The Divided States (VII): Spektakel als Lebensform


Wo auch das Mantra „at least I know I‘m free“ nicht mehr ausreicht, steht die Pharma-Industrie bereit: Seit 1992 ist die Menge an eingenommenen Schmerzmitteln in den USA um das 25fache gestiegen. Die Opioid-Krise, an der pro Jahr mehr US-Amerikaner sterben als im gesamten Vietnamkrieg, ist ein Lehrstück in Sachen Angebot und Nachfrage in einem Land, in dem eine Mehrheit nicht wagt, in den Spiegel zu blicken, und einige wenige den ganzen Tag nichts anderes machen.

Für jede geschlossene Schule wird ein neues Gefängnis gebaut. Die Entwicklung rückt, wie Geert Mak bereits 2013 beobachtete, die USA, „durchaus in die Nähe einer Ständegesellschaft des 18. Jahrhunderts, von der sich die amerikanischen Revolutionäre mühsam befreit hatten.“

Der Kapitalismus hat das Gute, Wahre und Schöne ebenso absorbiert wie die Spiritualität, die Politik ohnehin, in der es ebenfalls nur darum geht, sich mittels Täuschung, Erpressung und einer guten Show durchzusetzen. Nachdem der demokratische Populist George Wallace seine Anhänger bei einem Wahlkampfauftritt bis zur Raserei gegen einen anwesenden Reporter aufgehetzt hatte, ließ er ihn und seinen verängstigten kleinen Sohn hinter die Bühne holen. Er nahm den Jungen auf den Schoß und erklärte, das sei alles gar nicht so gemeint: „It‘s just politics.“

 

Konzernherrschaft

Demokraten und Republikaner sind sich heute mehr denn je einig darüber, dass ihr Wrestling für die gebildeten Stände weitergehen muss, indem sie sich über nichts einig sind. Im Iran entscheidet ein vom Revolutionsführer bestimmter Wächterrat darüber, wer überhaupt zu einer Wahl zugelassen wird, und beurteilt potentielle Kandidaten danach, ob und wie sie diesem System nutzen. Nicht anders ist es in den USA, wo einem Kandidaten weder die Empfehlung durch den Ku Klux Klan noch sexuelle Übergriffigkeit etwas anhaben können, aber schon der Verdacht, er könne über eine Bändigung des Kapitalismus nachdenken, sein Ende bedeutet.

Dass sich Alexandria Ocasio-Cortez nach ihrer Wahl ins Repräsentantenhaus 2018 erstmal keine Wohnung in Washington DC leisten konnte, wurde als das berichtet, was es war: eine Neuigkeit. Fox News wies der demokratischen Jungpolitikerin umgehend Ersparnisse von 15.000 $ nach und meinte, sie damit der Lüge überführt zu haben. Hoffnungsträgerinnen wie AOC können sich nur entscheiden, ob sie ihre Wählerschaft verraten oder sehr schnell sehr alt werden.

Wer auch immer im Oval Office sitzt, seine Leute kommen von Goldman Sachs. Das war auch bei dem Präsidenten so, der „den Sumpf trockenzulegen“ versprach. Das libertäre Gerede vom „schlanken Staat“ ist „just politics“, denn die Kapitalherrschaft kann ihn gut gebrauchen, um sowohl Spekulationsverluste zu sozialisieren als auch die Kosten für eine Imperialarmee. Die konservativen Eliten können von christlichen Werten, Recht und Ordnung faseln und sich so ihrer Privilegien sicher sein, sollte die Unterhaltungsmaschinerie mal für einige Tage ausfallen. Sie kam nach dem ersten TV-Wahlkampf zwischen John F. Kennedy und Richard Nixon 1960 auf den Geschmack: Die seither explodierenden Wahlkampfkosten machen beiden Parteien von Unternehmensspenden abhängig und sorgen dafür, dass es sich nur Abkömmlinge vermögender Dynastien leisten können, Politik zu machen – die natürlich pro domo ausfällt.

Ende der 1970er erreichte die Ungleichheit der Einkommensverteilung in den USA ihren niedrigsten Punkt, um bald darauf steil anzusteigen. Der demokratische Präsident Jimmy Carter senkte 1978 den Spitzensatz der Einkommensteuer von 48 auf 28 Prozent. Ronald Reagan setzte die Umverteilung von unten nach oben lediglich fort. Nirgendwo nahm der Reichtum der Reichen und die Armut der Armen seither so stark zu wie in den USA. Damit nähern sie sich südamerikanischen Staaten mit ihren hohen Gini-Indices an – zumal diese, jedenfalls unter linken Regierungen, ihre krasse ökonomische Ungleichheit verringern.

Seit 40 Jahren warten die US-Amerikaner unverdrossen auf den Trickle-down-Effekt und vertreiben sich die Zeit in den von Tag zu Tag wachsenden Schlangen vor den Suppenküchen damit, miteinander über Abtreibung, Immigration und Waffenrecht zu streiten.

 

Stammesdenken

Die einzige Konstante in der vierjährigen Präsidentschaft Trumps war das Stakatto von Ungeheuerlichkeiten, in dem jeder Skandal vom vorherigen ablenkte. Ende September drängte Trumps Covid-19-Erkrankung seine Steuerunterlagen aus dem Licht der öffentlichen Aufmerksamkeit. Sie lagen, wenn auch nicht vollständig, der New York Times vor und zeigten, dass Trump Millionenverluste machte, solange er Geschäftsmann war, und sich dadurch sanieren konnte, im Reality-TV einen Geschäftsmann zu spielen.

Donald Trump ist „kein irrlichternder Fremdkörper“, wie Bernd Greiner im September 2016 beobachtete, sondern entspricht vollends der Norm, weil er sich als „Angstunternehmer“ erfolgreich „aus einem in allen Milieus vorhandenen Ideen- und Gefühlshaushalt“ bedient und so einer „Koalition von Bürgertum und Mob“ vorsteht.

Abermals haben die Medien allzumenschliche Veranlagungen zum Schlechteren befördert, hier die durchaus mit Fug so genannten „sozialen“, die das Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Selbstbestätigung mehr denn je bedienen und so die Echokammern und Filterblasen schufen, dank derer 81 % der Republikaner 2018 Trumps Amtsführung als positiv bewerteten und 7 % der Demokraten.

 

Staffelfinale

Fritz Stern hielt schon vor zehn Jahren einen Bürgerkrieg in den USA für möglich. Es weckt böse Erinnerungen, wenn eine hochgerüstete Polizei mit tabuisiertem Rassismusproblem kameradschaftlichen Umgang mit weißen Milizen pflegt, die in der Tradition von Lynchmobs und Vigilanten zur Abwehr irgendeiner „fünften Kolonne“ stehen.

In den USA drängt nicht nur die historische Gewalt unbewältigt immer wieder hervor – auch von außen und eben nicht nur in Form von Foucaults Bumerang, also dem Phänomen, das im Auslandseinsatz erprobte Taktiken der Aufstandsbekämpfung irgendwann auch gegen Demonstranten im Inland eingesetzt werden, wie man es bei den Entführungen durch nicht identifizierte Polizisten in Portland sah. Auch die Menschen, die gewaltkompetent und -gewohnt sind, kehren – ohne auch nur vom Versuch einer psychischen Demobilisierung berührt zu sein – in eine bis an die Zähne bewaffnete, neurotische Gesellschaft zurück, die heute weniger denn je zu der Besinnung kommt, die sie seit Jahrhunderten nötig hat.

Wenn Trump und seine Republikaner von einer Sache etwas verstehen, dann von den Regeln des Spektakelkapitalismus, dem sie als Zirkusdirektoren vorstehen dürfen. Jede Staffel, jede Folge muss die vorherige übertreffen und mit einem atemlosen Finale inklusive Cliffhanger enden, damit die Leute wieder einschalten.

Noch sind sie es nicht leid. Die Mehrheit der US-Amerikaner ist weder radikal noch verbohrt. Es herrscht große Einigkeit über einige der Themen, über die im Kongress gestritten wird als ginge es um Leben und Tod. Was, wenn sie dieser anstrengenden Dauerwerbesendung irgendwann überdrüssig würden?

Jill Lepore zeigt in „Diese Wahrheiten“, ihrer Geschichte der USA von der Landnahme bis Trump, dass die Vereinigte Staaten immer schon von inneren Widersprüchen getrieben waren. Sie beobachtet weder eine Verfalls- noch Aufstiegsgeschichte, sondern die historisch immer wieder bewiesene Kraft der Amerikaner, per aspera ad astra zu gehen. Das ist der Weg, den Intellektuelle und Aktivistinnen in den USA heute gehen. Es sind nicht wenige, sie haben nur keine Sendezeit und kaum Reichweite, und ihr Mut ist angesichts der Umstände bewundernswert.

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