Im Wald

Die Sentenz, gut habe gelebt, wer sich verborgen hat (Bene qui latuit, bene vixit.), dürfte schon zu Ovids Zeiten nicht unbedingte Zustimmung erfahren haben – und das nicht nur, weil sich der ans Schwarze Meer Verbannte damit bitteren Trost zusprach. Der Mensch wohnt gern am Wald, nicht im Wald. Denn da der Wald Freund ebenso verbirgt wie Feind, sind sie in ihm schwer zu unterscheiden. Wegen solcher Unheimlichkeiten werden nur diejenigen hier heimisch, denen außerhalb ihrer Verborgenheit selbst etwas Unheimliches eigen ist. Man könnte sie die Heimlichen nennen.

 

Gerhard, Heinz und Burkhard

Es sind Leute wie Gerhard, Heinz und Burkhard, denen Thomas Feix 2006 eine legendäre taz-Reportage gewidmet hat. Die drei bewohnten einen Resthof im Nichts der Uckermark, lebten mehr neben als miteinander. Gerhard ist noch am wenigsten aus der Gesellschaft gefallen, mit der er nie etwas zu tun hatte. Er zieht die Mauer um den geerbten Hof immer höher, kümmert sich um die Tiere und die Tabakpflanzen und teilt für Heinz und Burkhard die gestopften Zigaretten und den Schnaps ein, eine Pulle pro Tag. Die drei sind in jeder Hinsicht obdachlos, nur nicht in der des landläufigen Wortsinns:

„Sie stehen für nichts außer für die Tatsache, dass es unter allen Umständen Außenseiter gibt, Sonderlinge, Verlierer. Solche, die schon unterlegen waren, bevor sie begonnen hatten. Die nicht einmal die Chance hatten zu sagen, ich steige aus.“

 

Es gibt zu viele

Da ist der Biologe Bernd Heinrich eine ganz andere Nummer – scheinbar. Bioprof an der Universität Vermont, Marathonläufer und zumindest zwischendurch mal Bewohner einer Hütte im Wald. Dort besuchte ihn Mathias Plüss für Das Magazin und brachte eine gleichfalls lesenwerte Reportage über einen Waldbewohner mit, dessen Alltag bei allen biographischen Unterschieden ebenso frugal und rigoros auf einem Seil über einem Abgrund namens Wildnis balanciert. Bernd Heinrich kann es als anregend empfinden, seine naturkundlichen Beobachtungen zum Beruf machen und 2010 drängte sich noch nicht so sehr auf, wie schnell ein tiefenökologisches Preppertum mit seinem zivilisationsfeindlichen Biologismus die Sozialdarwinisten anzieht (vgl. „Volksgenossen und Artgenossen“, LW70).

„‚Wir werden die Bevölkerung drastisch reduzieren müssen, ich weiss nicht wie. Ich bin ein bisschen zynisch und sage manchmal, eine grosse Epidemie wäre das Beste.‘“ (Bernd Heinrich)

Maßlose Freude über das goldgelbe Abendlicht in den Baumwipfeln und auf den Feldern.

Der erste Mensch, den Nietzsches Zarathustra bei seinem Untergang aus der selbstgewählten Einsamkeit trifft, ist der alte Heilige, der im Wald am Fuß des Berges lebt und sich nur wundern kann, wie frohsinnig Zarathustra in die Gesellschaft zurückkehren will:

„Warum, sagte der Heilige, gieng ich doch in den Wald und die Einöde? War es nicht, weil ich die Menschen allzu sehr liebte?

Jetzt liebe ich Gott: die Menschen liebe ich nicht. Der Mensch ist mir eine zu unvollkommene Sache. Liebe zum Menschen würde mich umbringen.“ (Zarathustra)

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