Es gibt keine Bots


Auf Twitter gibt es nicht wenige Nutzer, deren befreite Meinung sie wie gute Bots oder schlechte Menschen wirken lässt. Gerade in den Auseinandersetzungen um die Rolle, die Horden solcher Nutzer bei Trumps Wahlsieg, dem Brexit-Votum oder rechtsdrehenden Scheißestürmen spielen, wurde auf die moderne Pest der Social Bots verwiesen, als wäre es ein Trost, wenn der größte Blödsinn von Maschinen statt Menschen verbreitet wird. Nämliche Maschinen sind sowas wie Goebbels’ kleine Helferlein, wenn man sie getreu seiner Maxime einsetzt, eine Lüge müsse nur oft genug wiederholt werden, bis jeder sie glaubt.

Nun ist diese nach Verdruss und Ressentiment stinkende Weisheit ein Kuckuckszitat, das Goebbels seit Jahrzehnten untergeschoben wird, und auch bei Social Bots scheint es sich ehe um die Trolle aus dem Märchen als um die der Twittersphäre zu handeln. Florian Gallwitz und Michael Kreil jedenfalls haben in ihrer Metastudie keinen einzigen Social Bot gefunden, dafür umso mehr Menschen, die von einschlägigen Detektoren für meinungsmachende Maschinen gehalten werden.

Gallwitz und Kreil zeigen, wie fragwürdig es ist, jeden, der mehr als 50 Tweets pro Tag oder zu ungewöhnlichen Zeiten raushaut, als Bot zu klassifizieren. Nicht zuletzt der abgewählte und inzwischen gesperrte US-Präsident bekam diesen Tagesoutput ohne jegliche Automatisierung hin. Auch hilft es nicht, einen Bot zu programmieren, auf dass er seinesgleichen erkenne: Das selbstlernende Botometer hält jeden achten Nobelpreisträger auf Twitter und jeden zweiten Follower einer deutschen Partei für eine Maschine und gilt trotzdem als Maß aller Dinge, weil die Entwickler die angebliche Bedrohung der digitalen Öffentlichkeit geschickt in ihre PR einweben. Journalisten und Wissenschaftlerinnen können demnach beliebige Schwellenwerte annehmen und sich ihre These vom Botometer bestätigen lassen.

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In ihrer Untersuchung entsprechender Studien konnten Gallwitz und Kreil die behaupteten Ergebnisse nicht reproduzieren, vielmehr ergab ihre manuelle Überprüfung vermeintlicher Botometer-Treffer etwa bei den kampagnenfreudigen Impf- und Maskengegnern, dass es sich durchweg um Menschen oder Organisationen handelt.

Selbst der folgenswerte Lichtwolf steht auf Twitter laut Botometer unter Verdacht.

Sie kommen zu dem Schluss, alles Gerede über automatisierte Massenmanipulation beruhe auf einer Bot-Forschung, die wissenschaftlichen Grundsätzen nicht genügt. Damit bleibt nur die viel erschreckendere Einsicht, dass ganz normale Menschen 100 QAnon-Tweets pro Stunde abschicken, K-Pop-Fans bis zu 22 Retweets pro Minute hinkriegen und hinter Kampagnen wie #umweltsau nur neurechte Trolle mit sehr viel Tagesfreizeit stecken.

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