Menschen wie Treibgut


Vom Kontingenzexperten Günther Anders stammt die schöne Charakterisierung des 20th century Menschen als „metaphysische Schnittblumen“. (Der kostenlose Tipp für zukünftige Hauptseminare: Aus diesem Grunde ist das Grab von Meyers Schwester nicht einfach mit „Blumen“, sondern mit „Schnittblumen“ überhäuft.*)
Den unzähligen bildreichen Allegorien auf den Menschen willst du heute eine weitere hinzufügen. Dabei hörst du auf den genius loci, der dich – könnte man meinen – auf das negative Bild brächte: „Kein Mensch ist eine Insel.“ Aber erstens bist du Festlandbewohner und zweitens warst du nie mit diesem Spruch einverstanden. Es ist doch so und nicht anders, dass jeder im Prinzip machen kann, was er will, nur soll er gefälligst darauf achten, welchen Dreck er von seiner Insel ins Meer schmeißt, weil das Zeug dann auch die anderen betrifft; die Unmöglichkeit einer Insel stabilen Verbindung mit einem anderen Menschen straft den Spruch im Übrigen auch kommunikationstheoretisch Lügen.
Es war so: Die Bohnen müssen hochgebunden werden, also bist du über den Deich, um passendes Treibholz zu suchen. Treibholz hat im Gartenbau die Vorzüge, kostenlos und durch die Salzwassereinwirkung praktisch unverrottbar zu sein. Dank des hohen derzeitigen Öl- und Paraffingehalts im Wasser gibt es darüber hinaus auch vorzügliches Brennholz ab, aber das ist ein anderes Thema.

Die Bohnen müssen hochgebunden werden, also bist du über den Deich, um passendes Treibholz zu suchen.

Die Bohnen müssen hochgebunden werden, also bist du über den Deich, um passendes Treibholz zu suchen.

Die Fixierung der Philosophen auf ihre je eigene Sterblichkeit – oft durch einen uneigentlichen Modus („die Menschen“ oder schlimmer: „man“) ins Apodiktische aufgesext – ist absurd; dies durchaus im Sinne Camus‘. Mit ihm und auch ohne ihn sei gewiss: Der anhaltende Gedanke an den eigenen Tod ist das deutlichstes Symptom (oder Ursache?) einer Erkrankung an Philosophie. (Die durch das Kaputtsparen von Infektionsherden und die Förderung falsch verstandenen Ehrgeizes in westlichen Gesellschaften zum Glück nur noch selten chronisch wird.)
Heidegger beklagt zu Recht die Seinsvergessenheit, die eine Sterblichkeitsvergessenheit ist, welche sich im Gerede von „Man stirbt nunmal, fertig.“ verrät. Du siehst das ebenso ein wie Camus‘ Drängen, dass du vor allem anderen zuerst antworten musst, ob du leben oder sterben sollst.

Ontologisch betrachtet ist der Tod jedoch eine simple Sache. Epikur hat dazu alles gesagt, was zu sagen wäre: Solange du bist, ist der Tod nicht; wenn der Tod ist, bist du nicht. Es ist in Bezug auf den eigenen Tod also eine agnostische Haltung völlig angebracht. Dein eigener Tod kann niemals Hierseiendes sein, denn wenn er im Hier und Jetzt sein sollte, bist du nicht mehr – was dann bedeutet: Es gibt gar kein Hier und Jetzt mehr. In diesem Sinne ist dein Tod das Ende der Welt.
Was die Philosophie viel dringender angehen sollte, ist der Tod der anderen.

Du stehst bei nahender Flut am Meer und sammelst Treibholz. Das Meer bringt und nimmt Treibholz mit der Tide (time, Zeit, Gezeiten). Was sie hier angespült hat, wird mit dem nächsten Hochwasser wieder fortgetragen. Nichts bleibt hier lange an seinem zufälligen Ort, das meiste bleibt überhaupt nicht hier an diesem Deich, sondern kommt mit der einen Flut und geht mit der nächsten.
Hier also dein Gedanke: Die Menschen sind wie Treibgut.

Das ist Unsinn, wenn du es auf dich und dein Hiersein beziehst, weil das für dich ein Sein jenseits des Hier und Jetzt (=dein Ort am Meer) behaupten würde.
Der Gedanke ist nur einleuchtend, wenn er sich auf die anderen Menschen bezieht: Dieser Platz am Meer ist dein Hier und Jetzt; du wirst nicht fortgetragen, du gehst lediglich einen Schritt nach links oder rechts und findest dort ein neues Hier und Jetzt. Das Meer jedoch – als symbolhafte Verbindung von Welt und Zeit – breitet die Menschen wie Treibholz vor dir aus. Du wandelst zwischen ihnen, du prüfst einige, lässt andere links liegen; du hebst sie auf, verlierst oder zerbrichst sie mit Absicht oder aus Versehen; du wischt den Dreck von ihnen, fängst dir eine Spleiße ein, nimmst einige mit nach Hause und lässt andere dann doch liegen usw. Mit der nächsten Flut heben sie sich in deiner Abwesenheit vom Boden und tanzen in den Wellen. Einige legen sich bei Ebbe wieder irgendwo vor den Deich, wo du sie irgendwann wiedererkennen wirst oder nicht. Andere verschwinden mit dem Meer irgendwohin, wo du sie nie wiedersehen wirst. (Vermissen? Unter solchen Umständen?!)
Das Treibholz vor deinen Augen ist Hierseiendes, das andere Treibholz Daseiendes.

Um im Bild zu bleiben: Wenn die Menschen Treibgut sind, wofür steht dann der ganze Müll, der hier ständig angespült wird?

Um im Bild zu bleiben: Wenn die Menschen Treibgut sind, wofür steht dann der ganze Müll, der hier ständig angespült wird?

Die Frage nach dem Tod der anderen lautet nun: Wie verändert es deren Dasein, wenn durch ihren Tod ausgeschlossen ist, dass sie jemals wieder als Hierseiendes vor dich treten? Ontologisch sind der abwesende und der tote Freund gleich: Beide sind Daseiendes, da nicht im Hier und Jetzt.
Diese Gleichsetzung behagt dir nicht, aber dieses Unbehagen wiederum ist ein Zeichen von ethischer Kontamination der Fragestellung. (Auf gleiche Weise ließe sich gegen obige Charakterisierung der Menschen als Treibholz, das du entweder zum Bohnenhochbinden gebrauchst oder ins Meer zurückwirfst, das kantianische Gebot anführen, einen Menschen nie nur als Mittel zum Zweck, sondern immer auch als Zweck an sich zu behandeln. Aber wir sind hier in der Ontologie.)
Das Bild liefert Klarheit: Die Flut kommt und nimmt zwei Stücke Treibholz mit hinaus aufs Meer. Das eine wird beim Zurückweichen des Wassers wieder irgendwo an deinem Deich liegen bleiben, wo du es wiederfindest. Das andere wird zwischen den Inseln hindurch aufs offene Meer gezogen und versinkt irgendwann.
Nach dem Hochwasser sind beide Stücke (zunächst) abwesend, also Daseiendes. Ob und unter welchen Umständen das eine oder andere Stück für dich (wieder) Hierseiendes sein könnte, ist im Hier und Jetzt gar nicht zu beantworten. Alle „Antworten“ sind bloße Möglichkeiten und also Erweiterungen des Daseienden, mit dem du Umgang pflegst.

Zwei (unbehagliche) Folgerungen:
(1) Ontologisch macht es überhaupt keinen Unterschied, ob ein abwesender Freund im Flugzeug sitzt, Damenbesuch hat, nie mehr mit dir reden will oder tot ist: Er ist Daseiendes.
(2) Dein Tod wird das Ende des Hier und Jetzt sein; irgendeine andere Art von Sein, die darauf folgt, ist im Hier und Jetzt weder abzusehen noch zu widerlegen. Also ist auch hier eine agnostische Haltung angezeigt.

 

*) Nachtrag: Anscheinend meint Anders mit den „Schnittblumen“ die Schmähung metaphysischer Erwägungen als leicht verderblichen Tand, der hübsch aussehen mag, aber stets ohne Blüte oder Folgesaat bald auf dem Müll landet. Mit dem Bezug auf den Menschen hast du Anders besser verstanden als er sich selbst!

Ein Gedanke zu „Menschen wie Treibgut

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