Postfaktisch (I): Hype oder Ding?


Mythos, Geschichte(n), Erzählungen und Narrative scheinen wirklich das nächste große Ding in Philosophie, Soziologie und Politologie zu sein und wer darüber ein Buch schreiben will, sollte sich ranhalten. Denn wenn das „postfaktische Zeitalter“ schon bei Angela Merkel und bei Böhmermann Thema ist (bei Stephen Colbert schon längst) und gar einen (wenn auch zur Löschung vorgeschlagenen) Wikipedia-Eintrag hat, dann wird es Zeit:

 

 

Gilbert Dietrich hat sich letzten Monat in seinem Blog „Geist und Gegenwart“ bereits mit dem auseinandergesetzt, was Colbert als „Truthiness“ bezeichnete und auch hierzulande Einzug gehalten hat: Populisten wie Söder, Farage, Petry oder Trump erhalten Zulauf und Zustimmung, obwohl (oder gerade weil) ihre Aussagen selten einem Faktencheck standhalten.

Das Neo Magazin Royal Bilderrätsel: Post - Fuck - Tisch.

Das Neo Magazin Royal Bilderrätsel: Post – Fuck – Tisch.

Unter anderem die Psychologin Julia Shaw wunderte sich nach dem Brexit darüber und erklärte – gestützt auf ihre Forschung zu falschen Erinnerungen – den Erfolg von Rechtspopulisten mit der Gefühlslastigkeit des Gedächtnisses: Emotionale Argumente bleiben eher beim Wähler hängen als rationale. Das nüchterne Abwägen der Fachleute passe nicht zu den hastigen Schlüssen, die ein in Furcht und Wut versetztes Hirn zu treffen geneigt ist. Darum haben immer mehr Leute in unsicheren Zeiten die Schnauze voll von Experten und ihren komplizierten Einschätzungen. Ja, selbst mit Logik und Tatsachen kann man nicht überzeugen, wenn Meinungsfreiheit nur noch heißt, dass jeder irgendwie Recht hat.

 

Ist das ein Hype?

Nun ist die Frage, ob das alles wirklich so neu und verbreitet ist, dass man gleich ein „postfaktisches Zeitalter“ ausrufen muss. Ein Blick in den Google Ngram Viewer zeigt für den Begriff „postfact“ besondere Popularität Mitte des 19. Jahrhunderts und einen erneuten Anstieg um 1980; allerdings wird das Wort noch in seinem lateinischen Ursinn („nach vollendeten Tatsachen“) gebraucht. Neu ist einzig die Verwendung des Begriffs „postfaktisch“ für eine Atmosphäre, in der jeder Wahrheitsanspruch aufgegeben wird oder lächerlich erscheint.

Leute, bei denen im Bauch mehr los ist als im Kopf, sowie Psychotiker und Spinner gab es schon immer. Es wäre interessant, in den Archiven von Tageszeitungen nach den abgefahrensten Leserbriefen zu suchen, die wg. Irrsinn nicht abgedruckt wurden. Heute kann man ihren Verfassern in den sozialen Medien scheinbar überall begegnen. „Der goldene Aluhut“ dokumentiert auf Facebook die schrägsten Äußerungen über Fluor im Trinkwasser, Chemtrails, Reptilienmenschen, Hirnsonden und Morgellons, über die Atomsprengköpfe im World Trade Center, die in Wirklichkeit flache oder hohle Erde, die Außerirdischen und die Bilderberger. Für jedes paranoide Wahngebilde gibt es mindestens eine Facebook-Gruppe, in der sich die Erleuchteten gegenseitig belehren, überbieten und verdächtigen, Agenten „des Systems“ zu sein, die Desinformation einstreuen sollen. Hier weiß man durchaus um die Wahrheit, auch wenn man von ihr nicht viel mehr sagen kann, als dass alle anderen sie entweder vertuschen oder nicht begreifen.

Wirklich überrascht von der Virulenz eines selbstbewussten Irrationalismus kann nur sein, wer seinen Bekanntenkreis für einen repräsentativen Ausschnitt aus der Gesellschaft hält.

 

Oder ist das eine Sache?

Andererseits sind die Zeiten ein für alle Mal vorbei, in denen psychisch gefestigte Leserbrief-Redakteure den gröbsten Unfug aus dem Diskurs heraushielten. Vielmehr wird mit FUD schon lange und neuerdings wieder sehr erfolgreich Politik gemacht. Es führt darum kein Weg daran vorbei, sich mit diesem „postfaktischen Zeitalter“ auseinanderzusetzen.

Zunächst einmal sind die Bedingungen für „Wahrheit“ schlecht. Seit mindestens 15 Jahren befindet sich die Welt – namentlich der Teil von ihr mit den sendestärksten Funkmasten – im Dauerkrieg, dessen erstes Opfer, wie die Binse lautet, die Wahrheit ist. Zu fast jedem Konflikt der letzten Jahrzehnte gibt es eine Lüge, deren Prominenz daher rührt, dass sie den casus belli lieferte und als Inszenierung enttarnt worden ist: Saddams Soldaten massakrieren Babys in einem Kuwaiter Kreißsaal, Konzentrationslager im Kosovo, Massenvernichtungswaffen im Irak (und demnächst Iran)…

Jeder Machtpolitiker wäre schön blöd, nähme er sich kein Beispiel an denen, die schamlos lügen, um ungestraft ihre Ziele durchzusetzen. Auch Putin lässt sich nicht durch den Respekt vor Fakten davon abhalten, politische Fakten zu schaffen. Darum deckt Russland seine Verbündeten in Syrien und der Ostukraine, indem es deren Kriegsverbrechen als Erfindungen des Westens und seine halbherzigen Vertuschungsversuche als ungewürdigtes Bemühen um die Wahrheit ausgibt. (Man möchte nicht zur Begrufsgruppe der Diplomaten gehören, deren Kernaufgabe es ist, solchen Zynismus herunterzuschlucken und weiterhin höflich das Gespräch zu suchen, zu dem es keine Alternative gibt, da Russland – anders als ein borniertes, aggressives Kind – nicht einfach verschwinden wird.)

Auch sonst ist der Ehrliche der Dumme: Gewiss, der VW-Konzern hat durch seine Abgastricksereien – genauer: durch deren Aufdeckung – beträchtlichen Schaden genommen, die ganze Autoindustrie macht eine „Glaubwürdigkeitskrise“ durch; aber die verantwortlichen Manager haben beachtliche Karrieren gemacht und sind mit goldenen Fallschirmen weich gelandet.

Rechtspopulisten zu schlechter Letzt können behaupten, was sie wollen: Kein aufgedeckter Widerspruch, keine aufgedeckte Lüge führt dazu, dass ihre ach so sehr um Moral, Recht und Ordnung besorgten Anhänger sich angewidert abwenden würden.

Wer könnte angesichts dessen leugnen, dass es ein taktischer Nachteil ist, sich an die Wahrheit zu halten, und in einer Welt, in der Erfolg alles ist und der Anschein von Moralität genügt, auch jenseits von Wirtschaft und Politik alles erlaubt ist!

Andererseits übersieht derjenige, der sich dergestalt in die Allgegenwart von Schein und Lüge fügt,

(1) dass Moralität keine Kategorie von Politik und Wirtschaft ist und

(2) wie viel mehr ihr über Schein und Lüge erfahrt als alle Generationen vor euch. Ganz wie man angesichts der vielen Missbrauchs- und Lebensmittelskandale denken könnte, es werde immer schlimmer, obwohl es immer besser wird, weil immer weniger Schweinereien dauerhaft verheimlicht werden können.

Zu verdanken ist das den Medien, mit deren Rolle im postfaktischen Zeitalter du dich morgen befassen willst.

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