Mythen, Politik und Terror (V)


Während du gestern u.a. über die gar nicht so neue Mischung von „Amoklauf“ (d.h. erweitertem Suizid) und Terrorismus in Nizza und Würzburg geschrieben hast, hat ein 18-jähriger in München neun Menschen und dann sich selbst erschossen. Dass sich diese Art von Gewalt gerade häuft, ist nicht verwunderlich. Es sind eben keine Amokläufe, sondern erweiterte Suizide – und für die gilt das gleiche wie für Selbstmorde: Die Berichterstattung motiviert in einem Werther-Effekt Nachahmungstäter. Und der gestrige Abend mit einer zweistündigen Tagesschau voller Spekulationen und sozialen Medien außer Rand und Band versprach allen gekränkten Narzissten da draußen einmal mehr, dass auch sie diese Aufmerksamkeit erhalten können.

Die mediale Präsenz ist das Ziel von Terroristen, die fast immer ebenfalls einen erweiterten Suizid begehen. Insofern ist die von de Maizère gemachte Grenze zwischen Amok und Terror eine sehr breite, die fast alle Anschläge der jüngsten Zeit sowie den Dschihad-Tourismus gen Syrien umfasst.

Die durchdrehenden Verlierer wollen ein Zeichen setzen und sich einen Platz in der neoliberalen Erzählung zusammenschießen. Dazu braucht es zwar eine Gegenerzählung, aber wo sie nicht mit Drill, Gehirnwäsche und Indoktrination eingeimpft wird, muss schon ein gehöriger Dachschaden vorliegen, um zum Töten bereit zu sein. Eine psychische Störung lag wohl auch beim Täter von München vor, der sich im Übrigen ausgiebig mit sogenannten Amokläufen beschäftigt hat; es war eben keine spontane Tat in einem psychischen Ausnahmezustand, sondern ein geplanter Gewaltakt mit symbolischem Gehalt, der auf Menschen ebenso wie auf eine Erzählung abzielte.

 

Terror als Suizid und umgekehrt

Die Demütigung des Sterblichen durch eine Welt, die auf sein Verlangen nach Sinn mit Schweigen reagiert, hat Albert Camus zum Ausgangspunkt der metaphysischen Revolte gemacht. In „Metaphysik und Revolution“ hast du Camus‘ Beobachtung vom Umschlag des menschlichen Aufbegehrens gegen den Tod in absurden, todbringenden Zynismus bei den Tätern von Schulmassakern ebenso wiedergefunden wie in der Islamischen Revolution. Triebfeder ist immer die Demütigung und der Versuch, sie zu beenden.

Die islamistische Erzählung ist ein solcher – in Camus‘ Worten – Sprung. Sie erklärt die Demütigung zur Adelung. Sie erklärt die neoliberale Erzählung zu einzigen und wesentlichen westlicher Gesellschaften, die als Feindbild darum sofort einleuchten, weil von ihnen die Demütigung auszugehen scheint. Der Mythos des postmodernen Verlierers, der sich als spiritueller Superheld entpuppt, erscheint mächtiger, weil er an den uralten Hirnstamm rührt, der mit Ambiguität nicht umgehen kann, aber stets bereit zur Tat ist.

Deswegen ist der europäische Mythos aber der zivilisatorisch überlegene. Es mag ihm an thymotischer Kraft mangeln, wie der AfD-„Philosoph“ Marc Jongen beklagt. Wolfgang Schröder zeigt in seinem Essay im aktuellen Lichtwolf ganz gut, dass sich „vital“ auf „brutal“ reimt. Die europäische Erzählung hat ihre Lektionen gelernt, sie ist maßvoll und besonnen wie der damalige norwegische Ministerpräsident Jens Stoltenberg vor fünf Jahren oder der Münchner Polizeisprecher Marcus da Gloria Martins gestern. Die europäische Erzählung reicht von den mörderischen Schützengräben über den Holocaust und den Fall des Eisernen Vorhangs bis zum Friedensnobelpreis. Zur ihr gehören Zweifel, Widerspruch und Streit, sie kennt weder Führer noch Doktrin und verweigert den Leuten den Gefallen, ihnen das Denken abzunehmen. Die europäische Erzählung ist bedächtig, kompliziert und voraussetzungsreich, sie ist nichts für den Hirnstamm und hat es darum schwer bei den meisten Leuten.

Sie wird auch die künftigen Angriffe überleben, weil sie – im Gegensatz zu den Gegenerzählungen der Islamisten, Rechtsradikalen und anderer verbitterter Verlierer – an ihrem Humanismus festhält.

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