Armut macht sentimental


Das Gegrübel der letzten Wochen, wie man einen reichen Mann am Geldautomaten so überfallen könnte, dass er kein lebenslanges Trauma davonträgt, sondern nur ein paar Hundert seiner Millionen Euro abschreiben muss und nachher vielleicht noch das Gefühl hat, ein Mäzen statt Opfer eines Verbrechens zu sein, erreichte dieser Tage beim Zubettgehen eine neue Eskalationsstufe. Du hast dich bei den Fragen erwischt, ob du eines der Tiere in der Umgebung schlachten und aufessen könntest, bis zu welchem Grad sich deine prekäre Lage dafür verschärfen müsste und welches Tier genau dafür in Frage käme.
Es spricht für dich, diese Fragen binnen eines Augenblicks wie einen Körperreflex durchgegangenen zu sein und davon eine anhaltende, schamhafte Missstimmung behalten zu haben. Zwar hattest du schon bald nach deinem Auszug aus der Zivilisation in die hiesige Agrarwildnis bemerkt, wie sich atavistische Echos regten. Wenn du an einer Kuhweide vorbeigeradelt bist, drängte dein Bewusstsein sich selbst die Information auf, von wo aus du Deckung und Windrichtung ausnutzen kannst, um dich anzupirschen, ohne gesehen, gehört oder gewittert zu werden.
Im Ernstfall würdest du aber enden wie der Protagonist von Sean Penns „Into the Wild„, der, als er sich endlich zur Jagd überwindet, mit der Verwertung völlig überfordert ist und sich zwei Eigentore in Sachen Ethik und Proteinversorgung reinsemmelt. Nein, du bist – Fleischfresser hin oder her – schon für die bloße Viehhaltung ungeeignet, weil du jedes Tier sofort benamst und Jagd wie Schlachtung dem urenglischen Fairness-Prinzip widerspricht; demnach könntest du ein Tier höchstens dann erschießen, wenn es selbst eine Knarre und Gelegenheit hätte, das Feuer zu erwidern. In dieser Logik kannst du dir auch den Fressgedanken an Trauni vergeben, ist es doch zwischen euch eine Selbstverständlichkeit, dass sie sich über die Tage und Wochen, die es nach deinem rauch- und suffbedingten Herzinfarkt dauern wird, bis dich jemand hinreichend vermisst, um sich Zutritt zu deiner Butze zu verschaffen, an deinen sterblichen Überresten gütlich tun wird.

Du erinnerst dich an einen Bericht über den Holodomor, die gewaltige Hungersnot, unter der die Ukraine – die „Kornkammer der Sowjetunion“ – dank der großartigen Planungsweisheit des unbestreitbaren Stalin litt. (Kollege Frost – übrigens inzwischen nach Juist umgezogen – informierte kürzlich von seinen Recherchen für Lichtwolf Nr. 31, dass Hungerkatastrophen in Folge kommunistischer Machtübernahmen eine globalhistorische Regel sind.) Die Schilderung der verzweifelten Zustände erreichte ihren Höhepunkt darin, dass, was zu schrecklich war, um es auszusprechen, nur angedeutet wurde: Als buchstäblich alles, was vier Beine und ein Fell hatte, gefangen, gegessen und vergessen war und lange, lange nachdem auch die letzten Grashalme und Schaben von den Hungernden hinuntergewürgt worden waren, sollen Eltern die Agonie ihrer Kinder beendet haben, indem sie diese schlachteten und verspeisten.
Es ist völlig naheliegend, dies als Übertreibung oder Gerücht abzutun, wird doch die akademische Skepsis gegen kolportierte Augenzeugen-Historie unterstützt von einem menschlichen Unwillen zum Glauben, der am Ende der Mitleidensfähigkeit steht. Womöglich verhält es sich mit dieser Geschichte genauso wie mit der, die Erika Steinbach regelmäßig vorliest, wenn es darum geht, die Leiden der Vertriebenen darzustellen: Darin treiben erschlagene Deutsche einen Fluss hinunter und mittendrin schwimmt ein Kinderbett, an das die Leichen von Eltern und Kindern genagelt sind. Ein DeutschlandRadio-Feature anlässlich des 60. Jahrestags der Vertriebenen-Charta hat die Unbefangenheit und Glaubwürdigkeit des Urhebers dieser Erzählung ernsthaft in Frage gestellt.
Die Holodomor-Geschichte widerspricht dem gängigen Bild bedingungsloser Elternliebe noch mehr, als sie gegen das Kannibalismustabu verstößt, neigt man doch zu der Annahme (oder Hoffnung?), eine Mutter würde sich eher ein Bein oder einen Arm abhacken und die Extremität auftischen, als ihre Kinder verhungern zu lassen, geschweige denn gar zu töten und aufzuessen. Daher aber auch die Monströsität der „Anekdote“ und ihre suggestive Kraft; kaum ein Flugzeugabsturz ist im kollektiven Gedächtnis so verankert wie der in den Anden. Weder die junge Fußballmannschaft noch das verschneite Hochgebirge, in dem sie strandeten, ist der Grund, warum ihr Schicksal so eindrücklich war; der liegt einzig darin, dass die Überlebenden sich gezwungen sahen, das Fleisch derjenigen zu essen, die beim Absturz starben und keineswegs irgendwelche Fremden waren.

Auf ziemlich geschickte Weise hast du nun, ohne peinliche Details über dich selbst im Indikativ zu verlieren, durch bloß parasitär genutzte suggestive Kraft ein Bild deiner unrosigen Lage geschaffen; die Methode musst du dir für dein nächstes Buch gut merken. Der billige Landwein aus der Literflasche indes steigt dir schon in die Birne und es wird höchste Zeit für die Klarstellung, dass du trotz des Zusammenbruchs deiner kleinen Privatwirtschaft noch weit, weit entfernt bist vom Hungern. Schlimmer geht immer. Von den Waldschrats in Thomas Feix‘ eindrücklickstem aller taz-Arme-Leute-Portraits trennen dich – trotz eigenem Tabakanbau – noch Zeitalter der Verwahrlosung und deine Gedärme drücken noch ordentlich gegen deinen Bauchnabel. Hermes Phettberg, der finanziell, sexuell und auch sonst bedeutend ärmer dran ist als du, twittert täglich über den einzigen Lichtstrahl in seiner Finsternis, sein beneidenswert abwechslungsreiches und reichhaltiges Mittagessen; das könntest und wirst du fortan auch machen. Spätestens dabei wird sich zeigen, was ohnehin klar ist: Hunger ist dein geringstes Problem. Ohne deinen Garten und die – trotz Dürre im Juli und Dauerregen im August ordentliche – Kartoffelernte wärest du natürlich angeschissen. Morgen, wenn das Wetter mitspielt, machst du Kompott aus den Pflaumen, die Vögel, Touristen und Sturm an den Bäumen gelassen haben. Dir „knurrt“ ja bloß der Magen, weil dir der wöchentliche Wechsel zwischen Kartoffelpuffer, Kartoffelgratin und Bratkartoffeln jetzt schon zum Hals heraushängt, obschon du bis Weihnachten nichts anderes kriegen wirst.

Soweit also zur Perspektive auf Armut. Mindestens deine Nase steckt schon drin nach einem Sommer mit viel Arbeit, aber kaum bezahlter, weit nach Aufbrauchen der letzten Rücklagen und angesichts neuer, horrender Geldforderungen. Hat man sich in einem Leben an der Armutsgrenze eingerichtet, reicht der kleinste Zwischenfall, um die Prekarität spürbar werden zu lassen. Deren unmittelbaren Eindrücke findest du im Horoskop der Geisteswissenschaften, der Etymologie, wunderbar aufgehoben. Ihren Verlockungen folgten auch schon andere in Sachen Armutsanalytik. Gunhild Simon schreibt – die unzähligen gesponserten Artikel auf der Titelseite sind ein unfreiwilliger Verweis auf die Prekarität von Bloggern – kurz, knapp und knackig über die Wortbildungen des alten Wortes „Mut“. Mit Blick auf das Wort „Armut“ schreibt sie: „Es hat die Wurzeln armuot (mhd.) und armuoti (ahd.), die mit den Endsilben von Heimat, ahd. heimuoti, mhd. heimuot, und Einöde, aengl. ainad, übereinstimmen und hier zu verknüpfen sind.“
Dieser semantische Urgrund fügt sich gut in denjenigen, der zu Beginn (Abschnitt 1.1) der Dissertation (PDF) von Stephanie Kern aufgewiesen wird, um dergestalt vorgeprägt der Frage nachgehen zu können: „Führt Armut zu sozialer Isolation?“ Den Zusammenhang sieht Kern schon in der Etymologie des mittelhochdeutschen Begriffs „arm“ enthalten, scheine er doch – als Spross der Wortfamilie Erbe – „im Sinne von verwaist, in der Bedeutung von vereinsamt, unglücklich, bemitleidenswert verwendet“ worden zu sein.
Dudens Herkunftswörterbuch kennt nur „arm“ und bestätigt alles, was Simon und Kern dazu schreiben. Das ist insofern bedauerlich, als es deiner Eingebung widerspricht, nach der Armut wie Gemüt, Übermut, Vermutung usw. eine Wortbildung aus und mit dem gemeingermanischen „Mout“ sein könnte. Seine Bedeutung ist im englischen „mood“ wie im deutschen „Gemüt“ noch als Stimmung denn als Tapferkeit erhalten. Die vielen Ableitungen von Mut lassen das semantische Spektrum, aber auch die lebensweltbildlichen Verbindungen erahnen. Der Mut ist die Gestimmtheit eines Menschen – Erregung, Trachten, Sinne, Streben; wenn er mutet, richtet er seinen Sinn auf etwas, was wie etwas anmutet oder aber anmutig erscheint, oder es ist eine Zumutung oder Vermutung, die zu Übermut, Wagemut, Hochmut oder Gleichmut führt, ihn er- oder entmutigt oder gar demütigt.
Das Präfix „ar-“ hat die Bedeutungen „zu, hinzu, bei, an, hin“. Doch es gehört den Fremdwörtern und schon daher wäre es eine ungewöhnliche Zutat für ein im doppelten Sinne altdeutsches Wort wie die „Armut“. Gleichwohl wäre die Semantik nicht unplausibel: „Ar-Mut“ als Überreizung und Lähmung des Sinns, als Zumutung, in der das Trachten und Streben mal mit dem „Mut der Verzweiflung“ übersteigert wird, um sodann wieder zum völligen Erliegen zu kommen…

Hier geht es aber nicht weiter. „Armut“ ist der Etymologie nach das Verlorensein, das einigen vom Schicksal zugewiesen wird und anderen nicht, mit Gestimmtheit hat das Wort nichts zu tun; die sprachliche Nachfolgeversion immerhin verrät, welchen Wandel das lebensweltliche Verständnis von Armut durchgemacht hat.
Als er vor wenigen Jahren in den deutschen Sprachgebrauch Einzug hielt, wurde der Begriff des „Prekariats“ noch fleißig begrübelt; er hatte und hat den Vorzug, die bildungsfernen Zielscheiben des Sarrazin’schen Medienzirkus‘ gemeinsam mit dem hochqualifizierten sozialen Überhang der Geisteswissenschaftler, Künstler und Medienpraktikanten zu problematisieren. Einerseits hängt im Wort „Prekariat“ mit Fug die Bedeutung „heikel“, wie sie auch im englischen „precarious“ vorherrscht. Andererseits meint der romanische Ursprung sowohl „widerruflich“, was angesichts der moralischen Verlotterung von sozialen Arbeits- zu ökonomischen Bewährungsverhältnissen trifft, als auch „durch Bitten erlangt“ (wohl von lat. „preces“), was nun vollkommen unerträglich ist, folgt man Dostojewskis Iwan Karamasow darin, die Gnade zurückweisen zu müssen, will man das Recht. In der Tat: Schon die im Begriff anklingenden Verhältnisse verweisen auf die Revolte.
Die altdeutsche „Armut“ blickt zurück auf eine verlorene Heimat und verlorenen sozialen Rückhalt, um eine Gesamtverlorenheit zu konstatieren. Das neudeutsche „Prekariat“ dagegen interessiert sich nicht für Vergangenheit oder Schicksal, sondern sieht die Gegenwart auf Messers Schneide und die Zukunft im Stroboskop von Hoffnung und Angst. Der Arme ist schicksalhaft verloren und kann sich in der Grube einrichten, über welcher der Prekäre am seidenen Faden hängt, stets hoch genug, um die Sonne über und den Abgrund unter sich sehen zu können. Es wäre der herrlichste Seiltanz, wäre jeder Aufschub des Absturzes nicht „durch Bitten erlangt“; wäre da nicht der seidene Faden der demütigenden Gnade.

Bist du nun arm oder prekär? Die Buchhaltung positioniert dich knapp oberhalb der Armutsgrenze, nur hast du mit dem Lichtwolf noch ein Kind zu versorgen; der Dispo qualmt und der Kontostand ist rotglühend. Der Abgrund ist dir mehr als gewahr – ahd. gewahr, „aufmerksam, vorsichtig“, aengl. „gewaer“, vgl. engl. „aware“. Du wirst sensibel und weinerlich; ein Sonnenuntergang rührt dich zu Tränen und der Anblick paddelnder Entenpaare lässt dich selig lächeln. Du grüßt unbedacht jeden Fremden, der dir auf der Straße begegnet, – Mensch und besonders Hund – wie um ihm die Furcht vor dir zu nehmen, die er in Wirklichkeit nie haben würde. Die Euphorie der Nacktheit rauscht durch deine Ohren und lässt dich Spinnenweben anstrahlen wie ein hechelnder Hund. Du bewegst dich wie in Zeitlupe und scheust davor zurück, Musik zu hören oder Geräusche zu machen. Du kannst dich lesend und schreibend für Stunden in Bücher versenken, nicht jedoch in elektronische Texte. Die Kerze brennt häufiger, die Energiesparleuchte seltener. Du isst dein Abendbrot nicht arbeitend über der Tastatur, sondern hinten an deinem Tischlein mit stumpfem Blick aus dem Fenster, fehlt nur noch, dass du vorher und nachher die Hände faltest. Wer weiß, ob du nicht bloß einen Habitus imitierst, den du dir angelesen hast. (Wie benimmt man sich standesgemäß, wenn man arm ist? Musst du dir jetzt Glotze, Smartphone und Tabak in Dosen kaufen? Oder eher auf einer Matratze unterm Regenschirm Bücher lesen?)

Carl Spitzweg - Der arme Poet (1839)

Carl Spitzweg – Der arme Poet (1839)

Interessant sind die Auswirkungen aufs Gemüt – die durch die nackte Armutserfahrung ausgelöste, tierhafte Stressreaktion: Erstarrung, Flucht oder Kampf. Das dümmste, was die Spinne vorhin machen konnte, war wegzulaufen, weil das Traunis Jagdtrieb nur noch mehr befeuerte, bis am Ende der vierbeinige Lauerjäger den achtbeinigen Lauerjäger aufgefuttert hat. Du gehst auf Samtpfoten umher, als würden Rechnungen und Forderungen wie Flugsaurier über dir kreisen, die sich auf jedes Lebenszeichen am Boden stürzen; dies die Erstarrung. Flucht – dies natürlich die Erwägung, sich all den drohenden, einander übertreffenden Demütigungen (!) zu entziehen, indem du – noch stehend – Hand an dich legst. Drittens die Kampfreaktion, heißblütige Rachegelüste gegen die sozialen Entitäten, die in maschinell erstellten Schreiben ihr völliges Anrecht auf völlig legitime Beträge mitteilen, welche dich jedoch in den Abgrund stürzen werden. Der Firnis der Zivilisation über den atavistischen Regungen ist dünn und verkleidet sie bloß in zeitgemäße Handlungsmode.

(Du bist in dir zu Hause wie in deinem Garten; du kennst dich aus und lebst darin wie davon, nur wunderst du dich, immer, wenn es sich bemerkbar macht, über das, was außerdem noch darin und davon lebt.)

Der Mensch ist schon darum ein wunderliches Vieh, weil Dinge im Zusammenhang mit Zahlungsmitteln an seinen Instinktkern rühren, der doch am Fetischcharakter des Geldes nur völlig vorbei auf nicht mehr als brennbares Material blicken kann. Vorbildliche Lebensmethodiker – die allesamt mal arm waren (Albert Camus, Max Frisch) oder arm blieben (Fjodor Dostojewski, Charles Bukowski) – gingen mit diesem Widerspruch konsequent um. Albert Camus‘ Neigung, menschliche Extremsituationen zu behandeln, hatte Methode, denn er wollte die totale Freiheit des Absurden ausloten, indem er die extremen Handlungsmöglichkeiten untersucht, die sie dem Menschen eröffnet. In „Der glückliche Tod“ ermordet Mersault einen reichen Mann, um seiner beißenden Armut zu entrinnen. In „Der Fremde“ ermordet Meursault einen Araber, ohne einen Grund dafür zu haben.
Selbstverständlich ist Armut eine Extremsituation und selbstverständlich ist es eine, in der das Absurde aus einem ganzen Regenbogen von Widersprüchen hervorscheint. Ihr revolutionäres Potential erkennen und nutzen Tribune seit Jahrtausenden, denn wer nichts zu verlieren hat, hat nichts mehr zu fürchten und alles zu gewinnen. Armut steigert den Hunger nach Glück, nach Leben und Schönheit, was Camus – Halbwaise aus schlichtesten Verhältnissen – ausdrücklich zu preisen wusste. Seiner Armut verdankte er den Sinn für das Schöne und die Fähigkeit, sagenhafte Beschreibungen von Lichtverhältnissen, Blumenmeeren, Ruinen und Küstenstreifen zu Papier zu bringen. Das Blutbad und die Schönheit haben den gleichen Ursprung, so ist von ihm zu lernen.
Ihm ist in der Tat recht zu geben darin, dass der Überfluss wie die Routine und Sicherheit abstumpfen, während die Armut den Sinn für das Naturschöne schärft. Wer Millionen auf dem Konto hat, hält einen singenden Vogel für eine Selbstverständlichkeit, der Arme dagegen freut sich über den Vogel – worüber denn auch sonst?

Das wie auch immer geartete Aufbäumen gegen eine demütigende Lage wie der Armut – angetrieben vom Flucht- oder Kampfreflex – ist ein Zeichen des Lebenswillens, um nicht sentimental zu sagen: des Willens zum Glück, welcher sich auf den vielen Wegen der Verzweiflung Bahn brechen kann. Der erweiterte Suizid, die Geiselnahme mit entsicherter Handgranate in der Faust, der Gang in den militanten Polituntergrund – das alles hat die gleiche Quelle wie die maßlose Freude über das goldgelbe Abendlicht in den Baumwipfeln und auf den Feldern. Es lässt sich – womöglich gar unter Verzicht auf den Begriff der metaphysischen Ehre, den Du im Lichtwolf noch als notwendiges Scharnier zwischen dem Absurden und der Revolte angesehen hast – schon daraus auf das Selbstmord- und Mordtabu der Rebellenmoral schließen, nämlich über die Frage: Willst du wirklich für immer auf den Anblick des Lichts verzichten? Denn dieses Glückes kannst du dich nur selbst durch eine Tat berauben, zu der du dich im Streben nach demselben Glück gedrängt sahst.

Maßlose Freude über das goldgelbe Abendlicht in den Baumwipfeln und auf den Feldern.

Maßlose Freude über das goldgelbe Abendlicht in den Baumwipfeln und auf den Feldern.

Gewiss, es gibt verzweifeltere Lagen, und wolltest du im Ernst pakistanischen Flutopfern, missbrauchten Kindern oder eingeschlossenen Bergarbeitern die Mäßigung predigen, sich mit schönen Sonnenuntergängen zufriedenzugeben? Ja und nein. Keine Demütigung verleiht Rechte; und dass es Schönheit gibt heißt nicht, es gäbe genug Schönheit, um die Welt freizusprechen.
Natürlich mag Camus‘ Lob der Armut nur eine bürgerliche Exkulpation sein; das „Jenny from the block“ eines Nobelpreisträgers. Ein Lob der Geister der Vergangenheit, damit sie ihn im provencalischen Landhaus nicht einholen? Wie Friedrich Engels sich durch seinen Einsatz für das Proletariat von seiner bourgeoisen Herkunft zu entschulden suchte? (Hatte Camus alles nicht nötig.)
Gegen Ende von Max Frischs „Montauk“ findet sich unter der Überschrift „Money“ eine sehr schöne Einlassung zu dem Satz „Das steht mir nicht zu.“, der dem Kind aus einfachen Verhältnissen – jedoch später als Camus zum Halbwaisen geworden – wie ein kategorischer Imperativ nicht nur angesichts von Konsumgütern in den Geist stach, sondern gar in Bezug auf zwischenmenschliche Beziehungen gesellschaftliche Teilhabe. Weiter erzählt Frisch – der wie Graham Greene nie ein geschöntes Bild von sich zu zeichnen pflegte – wie er als inzwischen zu Wohlstand gekommener Sozialist einem alten Künstlerbruder 60 Flaschen seines Lieblingsrotweins schicken lässt, die dieser allesamt weiterverschenkt oder kaputtschlägt. Wie verhält man sich, wenn man sich jäh als vermögend erkennt?

Nicht allein eine prekäre Finanzlage fühlt sich wie eine existentielle Bedrohung an, es ist noch viel schlimmer: Die ganze conditio humana ist ja prekär. Es geht immer um Sein oder Nichtsein, und ob du auf den Mühlstein des Lebens mit Erstarrung, Flucht oder Kampf reagierst, wird an seinem Lauf nicht das Mindeste ändern. „Voices calling, voices crying / some are born and some are dying“ (Johnny Cash, „The Man comes around“) Die Welt als Bühne des ganzen Dramas ist darüber erhaben, ihrer Schönheit sind weder das Glück noch das Unglück anzumerken, das sich davor abspielt. Hamlet brachte den prekären Ausgangspunkt der Camus’sche Ethik ja schon früh auf den Punkt:

Ob’s edler im Gemüt, die Pfeil‘ und Schleudern
Des wütenden Geschicks erdulden, oder,
Sich waffnend gegen eine See von Plagen,
Durch Widerstand sie enden? Sterben – schlafen –
Nichts weiter! – und zu wissen, dass ein Schlaf
Das Herzweh und die tausend Stöße endet,
Die unsers Fleisches Erbteil – ’s ist ein Ziel,
Aufs innigste zu wünschen. Sterben – schlafen –
[…]
Denn wer ertrüg der Zeiten Spott und Geißel,
Des Mächt’gen Druck, des Stolzen Misshandlungen,
Verschmähter Liebe Pein, des Rechtes Aufschub,
Den Übermut der Ämter und die Schmach,
Die Unwert schweigendem Verdienst erweist,
Wenn er sich selbst in Ruhstand setzen könnte
Mit einer Nadel bloß? Wer trüge Lasten
Und stöhnt‘ und schwitzte unter Lebensmüh‘?
Nur dass die Furcht vor etwas nach dem Tod –
Das unentdeckte Land, von des Bezirk
Kein Wandrer wiederkehrt – den Willen irrt,
Dass wir die Übel, die wir haben, lieber
Ertragen, als zu unbekannten fliehn.

Siehst du, schlimmer geht immer; doch heute nicht mehr. Hier und jetzt geht erstmal gar nichts mehr, die Entmutigung ist komplett. Bien sur, il faut se battre. Doch Schwächeanfälle, Rückzüge und Ruhepausen sind einer kämpferischen Haltung dem Leben gegenüber erlaubt, militärisch gesehen sind sie sogar notwendig. Wenn du dich zu sehr bedrängt siehst, um dich noch rühren zu können, dann halte dich gefälligst daran: Alles kann man dir nehmen, nur nicht die Liebe zu dieser traurigen, schönen Welt. Das ist kein Trost, sondern eine Aufgabe, die keinen Lohn verspricht, der über Augenblicke hinausginge. Hab keine Hoffnung, hab keine Angst.

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