Aller Anfang ist schwer


Eine Zusammenfassung des bisherigen Stands in Sachen Ontologie für die kommende Lichtwolf-Ausgabe hat dir ein altes Problem verdeutlicht, das sich in den zurückliegenden Jahrtausenden nur praktisch lösen ließ.
Das Problem liegt im Widersinn der versuchsweise systematischen Arbeit an „Schwein und Zeit“; ein Widersinn, der zugleich als schlagender Beweis der schwieriger Schönheit der Philosophie gelten darf: Ontologie, Epistemologie, Logik und Ethik bedingen einander zu gleichen Maßen; das Ganze lässt sich unmöglich auf einmal behandeln und jede Wahl eines Startpunkts ist willkürlich und vernachlässigt womöglich entscheidende Aspekte.
Um Aussagen darüber zu treffen, was ist, müsste man erstmal klären, ob und wie Seiendes überhaupt erkennbar ist. Dies jedoch setzt zunächst die Klärung des Wahrheitsbegriffs und aller nötigen logischen Begriffe voraus, in denen Erkenntnis (vor)formuliert wird. Das wiederum erfordert, sich zunächst ihre gesellschaftliche Vorgeprägtheit bewusst zu machen, was nicht möglich ist, solange unklar ist, was es tatsächlich gibt.
John Searle kennt dazu die Anekdote, dass der Leib-Seele-Dualismus – spätestens seit Descartes ein philosophischer Dauerbrenner im Abendland – vielen afrikanischen Kulturen gar nicht zugänglich ist, weil in ihrer Begriffs- und Gedankenwelt die entsprechenden erkenntnistheoretischen und ontologischen Fragestellungen gar nicht formulierbar sind. So kontingent sind selbst scheinbare Fundamente.

Zwei Auswege für den unmöglichen Anfang einer Philosophie sind denkbar:
(1) Der seit dem linguistic turn populäre Rückwärtsgang von der Gesellschaftstheorie über die Sprache zur Erkenntnistheorie und dann zur Seinslehre, bei der jedoch die wenigsten Wanderer dieses langen, weit verästelten Pfades ankommen. Dies könnte erklären, warum die „großen Erzählungen“ ausgestorben sind, und bedeuten, dass es sie auch nicht mehr geben kann.
(2) Heideggers „immer schon“, das vernünftigerweise vom „In-der-Welt-sein“ ausgeht, worin Gesellschaft, Sprache, Erkenntniswege und Seinsverständnis immer schon und untrennbar verwoben sind; was konsequenterweise Solipsismus und ein individuelles „In-der-Welt-sein“ für jeden Einzelnen der bald sieben Milliarden Menschen bedeuten würde. Es müsste dann jeder seiner eigene Ontologie erforschen und jede allgemeine Aussage wäre anmaßend.

Bis zu einem Ausweg ist es aber lange hin, vor allem muss man erstmal in die Gänge kommen. Die praktische Lösung dieses Problems heißt: einfach anfangen. Denn Lösungen aller anderen Probleme wirst du nicht finden, nur immer neue Fragen. Philosophie heißt Tanzen: Ist der Anfang erstmal gemacht, geht es vor und zurück, hin und her, bis man nicht mehr kann.

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