Zeit für Heidegger


In den letzten Links der Woche war auch ein Hinweis auf Hannah Bethkes FAZ-Artikel über die Hektik. Zwar war es ganz nett, wie sie am Frankfurter Hauptbahnhof gestressten Leuten ihre Träume von einem eigentlichen Zeit-verbringen (im Gegensatz zum faktischen Zeit-nutzen, welches ihnen keine Zeit lässt) entlockt; Hartmut Rosa als „Beschleunigungssoziologe“ hätte mehr reißen können als der bei dem Thema unvermeidliche Astrophysiker. Aber unter philosophischem Gesichtspunkt war der Artikel eine Enttäuschung und manch einer (=Kollege Frost) frug zu Recht, was der Text in den „Links der Woche“ verloren hat.

Als Enttäuschung ist er philosophisch interessant, nicht nur, aber vor allem für Heideggerianer. Die seinsvergessene Uneigentlichkeit ist eine zeitvergessene; in sie flieht das Dasein vor seinem Sein zum Tode. Die Aussagen der gehetzten Reisenden („Eigentlich würde ich ja, aber..“) sind ebenso bezeichnend wie die längst unangefochtene Alleinzuständigkeit der Physik in Sachen Zeit, die – als Folge von messbaren „Jetztpunkten“ – einen für Sterbliche angenehm unendlichen Ruch hat.

Zeit ist kaum noch anders als mathematisch-physikalisch denkbar – ein Schuh, den auch du dir anziehen musst: Nimm nur deine Jahre zurückliegende Raserei in der Mathe-Nachhilfe, als du deinem Schützling die Vorzüge des kartesischen Koordinatensystems näherbringen wolltest, indem du eine z-Achse hinzufügtest, damit den Raum eröffnet hast und dann eine unendliche Zahl jeweils voneinander abgeleiteter Räume auf einer t-Linie durch die Zeit laufen ließest. Alles wahnsinnig faszinierend, aber auch total affirmativ und damit unphilosophisch.

Denn es ist nicht Philosophie, wenn man z.B. über Zeit nachdenkt und bei und in dem bleibt, was zu dem Thema gedacht, geforscht und geschrieben worden ist. Ob ein Denken „Philosophie“ ist, hängt nicht von seinem Gegenstand, sondern von seiner Art und Weise ab. „Destruktion“ is the name of the game – und keiner hat das so vorgemacht wie Heidegger. Dessen Zeit-Analytik in „Sein und Zeit“ ist – bei aller Kritik, die sich bereits selbst in den Kreisen seiner Anhänger angehäuft hat – in ihrer Radikalität nach wie vor maßgeblich für philosophisches Denken.

Du willst hier nicht weiter ins Detail gehen: Dafür kaufe man sich den nächsten Lichtwolf, in dem du u.a. eine kurze Erwägung schreibst, was es mit Heideggers Begriff der „Ekstasen“ auf sich hat. Aber du bist doch so stolz auf das Bild, in das du Heideggers allem vulgär-physikalischen Zeitverständnis trotzendes Zeitlichkeitskonzept gefasst hast, dass du es hier schon einmal loswerden musst:

Stellen Sie sich vor, in völliger Dunkelheit auf einem Fahrrad ohne Bremsen einen Berghang hinabzurollen, zu dessen Fuße ein tiefe Schlucht liegt. Vorder- und Rücklicht funktionieren, sind aber vertauscht: Vorne haben Sie nur eine Funzel, mit der Sie gerade genug sehen können, um den ärgsten Untiefen auf dem Weg hinab auszuweichen; dass Sie am Ende in die Schlucht stürzen werden, ist Ihnen vollkommen klar, aber bis dahin können Sie ja im Funzellicht noch etwas unternehmen – entweder, weil der Weg hinab gerade nicht zu viele Lenkmanöver erfordert, oder weil Sie vor lauter Angst sich etwas vormachen. Hinten am Rad beleuchtet die helle Lampe den Weg, den Sie hinter sich haben, aber was dort im Dunkeln zu sehen ist, hängt ab von der Richtung, in die Sie ihr Rad gerade lenken.

Darauf muss man erstmal kommen, wenn alle Welt nur Halbverstandenes von Einstein und Co. nachredet: Dass die Zukunft bestimmt, was dir jetzt gerade als dein Gewesensein vorkommt!

Ein Gedanke zu „Zeit für Heidegger

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