Norwegen (III)


Nach den medialen Reaktionen auf die Anschläge in Norwegen und nach dem juristischen und semantischen Umgang mit dem Täter willst du dich nun seinem „Manifest“ widmen, dass er vor seiner Tat im Internet abgeladen hat.

Demnächst sollen Gutachter prüfen, ob der Täter zurechnungsfähig ist, während die Öffentlichkeit debattiert, ob er verrückt ist, sensibel oder kaltblütig, hochintelligent oder verblendet. (Als schlösse sich das jeweils aus.)
In seinem Konvolut behauptet er, es habe ihn über 300.000 Euro gekostet. Wofür will er denn das ganze Geld ausgegeben haben?! Lizenzgebühren wird er wohl kaum bezahlt haben für die Bilder und Texte, die er zusammenkopiert hat. Da der Schrieb – hier hat er gut mitgedacht – nur im Internet zirkuliert, trifft maximales Verbreitungspotential auf minimale Kosten (die Rechnung der Zauderer und Geizhälse, die sich nur das Naheliegendste zutrauen); in der Druckerei ist die Kohle also auch nicht geblieben. Es wird so sein wie jedes Mal: Das meiste Geld ist in die „eigentliche Marketing-Aktion“ gesteckt worden. Diesmal Munition und Kunstdünger, aber so unwiderstehlich wie bei jedem gemachten Bestseller. Denn selbst das darum betriebene Gewese abzulehnen heißt, es zur Kenntnis zu nehmen.

Wer Rowling, Sarrazin oder den Papst trotz oder wegen des Rummels um ihre Bücher lesen will, soll das tun. Dein mangelndes Interesse daran verbietet dir jedes Urteil über Buch und Leser. Im Falle eines Attentäters, der seine Thesen durch die Tat disqualifiziert, stellt sich die Frage nach dem Umgang mit dem „Buch“ anders. Dir ist deine Zeit zu kostbar, um sie mit der Lektüre dieser 1.500 Seiten zu verschleudern. Andere stürzen sich mit heißem Erkenntniseifer darauf und versuchen, den Täter oder die Tat besser zu verstehen. Es ist löblich, wenn sie sich die Lektüre antun und den anderen davon berichten. Das hat nichts damit zu tun, dass sie dem Täter damit auf den Leim gehen und ihm die Aufmerksamkeit geben, für die er 77 Menschen umgebracht hat. Gut möglich, dass dieses Konvolut am Ende gar doch noch als Buch, in Übersetzungen, mit oder als Anhang erscheint wie das Manifest des Unabombers, bei dem sich der Täter auch kräftig bedient hat. All das wären legitime Arten der Öffentlichkeit, das Vorgefallene zu verarbeiten und einzuordnen.

Illegitim allerdings ist es, die Thesen des Attentäters ernst nehmen und sie „zunächst neutral“ als Diskursbeiträge betrachten zu wollen. Es ist unmöglich, „einfach so“ an einen Text heranzugehen. „Sein und Zeit“ wird anders aufgeschlagen als das Telephonbuch. Vor der Tat hätte man das Konvolut ernsthaft lesen können, es hätte Zustimmung gefunden, die meisten Leser jedoch – gelinde gesagt: nicht überzeugt. Es wäre ein bedeutungsloser Flop geworden. Jetzt ist es eine Sammlung von Thesen, mit denen ein mehrfacher Mörder seine niederen Beweggründe aufzuwerten versucht. Als solche ließen sie sich gerade noch forensisch ernst nehmen, nicht jedoch politisch.
Denn das dargelegte Weltbild ist kontingent bis nach dort hinaus. Wie jeder, der schreibt, will der Täter der Welt damit geben, was ihr fehlt: eine Deutung und einen Sinn. Das macht nach Camus die Revolte aus, wo sie zur Feder greift. Allerdings hört sie auf, Revolte zu sein, sobald sie ihre Deutung absolut setzt, weil sie deren Kontingenz nicht aushält.

Der Täter hätte genauso gut Islamist werden können, und es ist wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis die Rechtspopulisten ihren ersten Horst Mahler haben, der zum Salafismus konvertiert, vier Frauen heiratet, sie nie mehr vor die Tür lässt und Hasspredigten gegen Coca-Cola-Trinker hält. Hauptsache, irgendetwas deutet ihm endlich verbindliche Muster in die Unübersichtlichkeit der Welt.
Die Geschichte im Land XY läuft stets so ab: Irgendwem liefen für seinen Geschmack zu wenig oder zu viele junge Frauen mit geflochtenen Zöpfen herum. Als er das mal kundtat, haben alle gelacht. Dass man ihn für die Idee auslacht, es gäbe eine statische xy-sche Kultur, der gefälligst alle XY-er zu folgen hätten, war für ihn natürlich undenkbar. Schließlich war er doch so ein heller Kopf! Der ego-rettende Einfall: Er war der einzige, der die Dinge so sah, wie sie wirklich waren. Alle anderen Leute waren verblendet worden, doch von wem? Wer konnte ein Interesse daran haben, den XY-ern ihre xy-sche Kultur auszureden? Natürlich, die nicht-XY-er! Mit denen kann man ja noch weniger reden als mit denen, die von ihnen manipuliert wurden und ihnen Tür und Tor öffnen. Und wenn er nichts unternähme, würde es irgendwann keine XY-er mehr geben!

Wie im Internet beim albern benamsten Thema „Multikulti“ schon lange vor Sarrazin die niedersten Meuteinstinkte sprachlichen Ausdruck finden, zehrt mindestens so sehr an den Nerven wie die dahinterstehende Bunkerlogik. Die heutigen Integrationsprobleme rühren aus einem Mangel an Multikulturalismus her – daher, dass Ausländer bis vor wenigen Jahren aus allen öffentlichen Bereichen herausgehalten wurden. Den Rechtspopulisten braucht man damit nicht zu kommen; für sie wäre es eine weitere Systemlüge der multikulturellen Weltverschwörung. Dass viele Juden als Bankiers zu Vermögen gekommen sind, liegt dann auch in ihrem Wesen / ihrer Kultur begründet und nicht etwa darin, dass ihnen die christliche Mehrheit, die sich fürs Geldverleihen zu fein war, erst vor 150 Jahren gestattet hat, andere Berufe zu ergreifen. (Dieses diskursive Beispiel wurde Ihnen präsentiert vom demonstrativen Philosemitismus, mit dem sich rechte Spinner dagegen immunisieren, als rechte Spinner abqualifiziert zu werden.) Bezeichnend ist doch der Integrationserfolg der vietnamesischen Boatpeople, die als Flüchtlinge vor dem Kommunismus in den 80ern mit offenen Armen empfangen wurden und sich nie haben scheel angucken und provisorisch einquartieren lassen müssen wie der türkische Gastarbeiter.
Die einzige Kultur, mit der es ein ernsthaftes Problem gibt, ist die des Gegreines über „Denkverbote“ und angeblich eingeschränkte Meinungsfreiheit, sobald jemand nicht schreit: „Endlich sagt’s mal einer!“ Es zeugt von Mut und Anstand, wenn Menschen öffentlich kundtun, was sie sich überlegt haben. Sie müssen dann auch bereit sein, sich im Diskurs (und nur da!) eine blutige Nase zu holen oder auch überhaupt kein Gehör zu finden. Doch all die Verkünder irgendeiner Wahrheit wagen sich aus Feigheit vor der Gegenrede kaum aus dem Kreis von Gleichgesinnten heraus. Die Überzeugungen haben nur sie, ihre Gegenredner haben nur Interessen. Sie ziehen den beleidigten Rückzug in den Bunker eines paranoischen Weltbilds vor, dessen Unerschütterlichkeit seine Weltfremde beweist.

Deswegen hat der Täter kein richtiges Buch geschrieben. Obwohl er mit seinem Buch hätte reich werden können. Selbst wenn Thilo Sarrazin nur die üblichen 10 Prozent vom Nettoladenpreis seines Buchs bekommt, hat ihn allein das Autorenhonorar (von VG-Wort-Tantiemen, Auftrittsgagen und Zweitverwertung (Verfilmung!) zu schweigen) zum Multimillionär gemacht. Und das in Deutschland, wo Rechtspopulisten gerade mal das Hinterzimmer einer Kneipe vollkriegen. In Norwegen hat die „Fortschrittspartei“ bei den Parlamentswahlen 2009 immerhin 22,9 % der Stimmen erhalten.
Hätte, hätte, Fahrradkette. Es braucht keine große Intelligenz, um zu erkennen, dass sich eine Welt, in der stündlich eine neue Sau durchs globale Dorf getrieben werden muss, schreibend nicht ändern lässt. Womit zugleich gesagt ist, welche Welt sich schreibend ändern lässt.
Aber ein Buch zu schreiben hieße, Gegenrede, Missverständnis und Vergeblichkeit riskieren. Da erschießt ein Feigling doch lieber Jugendliche und nennt es Revolution.

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