Norwegen (II)


Das mediale Ritual nach Anschlägen wie in Norwegen vor einer Woche ist „grausam, aber notwendig“, hast du gestern geschrieben. Die Alternative zur Selbstvergewisserung der Öffentlichkeit wäre kollektive Verdrängung. Die vielfältigen, aber immergleichen Reflexe der Öffentlichkeit bedienen das gesamte Spektrum von Aufarbeitungsmechanismen. Dazu gehört die Sensationsgier ebenso wie der Aktionismus der Politiker und der Ausdruck von Ratlosigkeit, Trauer, Abscheu und was da noch an emotionalen Reaktionen in Journalistenblöcke, Mikrophone und Kameras gerät.

Ebenso notwendig ist es, alle Empfindungen aus der juristischen Reaktion auf die Anschläge herauszuhalten und in ihr maschinenhafte Kälte walten zu lassen. Alles andere würde, egal ob es dem Täter zum Vor- oder Nachteil gereicht, das Rechtsstaatsprinzip beschädigen, dem sein Angriff ebenfalls galt. Du hast Verständnis für Angehörige von Opfern und gar des Täters, die ihn – wie sein Vater mitteilen ließ – lieber tot sähen. Zwar hast du keine Kinder, kennst aber aus dem Brotberuf mehr als genug Kinder und kannst dir ausmalen, welche Wirkung auf deine Urteilskraft es hätte, wenn sie einem abscheulichen Verbrechen zum Opfer fielen. Insofern sind die Beteiligten der juristischen Aufarbeitung nicht zu beneiden. In einem kleinen Land wie in Norwegen wird es bei einer solchen Zahl von Opfern schwer sein, Staatsanwälte und Richter zu finden, in deren Verwandten- und Bekanntenkreis niemand durch den Täter in Trauer und Verzweiflung gestürzt wurde. Höchsten Respekt hat der Verteidiger verdient, der es – wie seine Kollegen, die Vergewaltigern und Kinderschändern Rechtsbeistand bieten (müssen) – auf sich nimmt, jemandem ein faires Verfahren zu garantieren, den die meisten Leute unter dem Eindruck der Tat lynchen würden.

Die Öffentlichkeit wird zunächst ausgeschlossen bleiben, um dem Täter, der mit Stolz statt Reue auf die Anklageschrift reagieren dürfte, keine Bühne zu bieten. Das ist nachvollziehbar und doch verheerend, weil die öffentliche Verhandlung zum Rechtsstaat dazugehört. Für die Angehörigen der Opfer wird es eine Belastung, für seine Fans ein Fest sein, wenn dem Täter in einem halben Jahr der Prozess gemacht und er sich seiner Taten rühmen kann, die er gestanden hat, ohne sich jedoch für schuldig zu erklären. Schon das gibt einen Vorgeschmack auf den zweiten Teil seiner Selbstinszenierung, den er für den Gerichtssaal geplant hat.
Doch auch der öffentliche Prozess wird „grausam, aber notwendig“ sein für die Öffentlichkeit und den Rechtsstaat. Kann dieser sich dennoch nicht dazu durchringen, den Täter wie jeden anderen Gewaltverbrecher vor Publikum zu prozessieren, sollen die Norweger sich wenigstens Beobachter von der OSZE kommen lassen, damit der Täter seine Show – diesmal als Kläger – nach einer Verurteilung nicht vor dem Europäischen Menschengerichtshof fortsetzen kann.
Was auch immer er sich für den Gerichtssaal überlegt, wird von seiner Tat ins „rechte Licht“ gerückt sowie davon, dass die juristischen Vertreter der Öffentlichkeit ihm mit einer Fairness begegnen, die er seinen Opfern vorenthalten hat. Am Ende wird es so schal wirken wie das Rabaukengehabe im Stammheimer RAF-Prozess oder der indignierte Größenwahn von Kriegsverbrechern vorm Den Haager Tribunal; daraus bilden sich bestenfalls schwindsüchtige Legenden.

So hat sich der Täter das nicht vorgestellt. Er wollte ja lieber als Begründer einer europäischen Revolution seinen Namen unsterblich machen. Ihm das vorzuenthalten ist nicht der Grund, warum du von ihm nur als „Täter“ oder „Attentäter“ sprichst, zumal du von Herostrat weißt, dass die damnatio memoriae schon lange vor dem Internetzeitalter das genaue Gegenteil bewirkt hat. Die Gründe für eine Namenstilgung, die Charlie Brooker ausführt, kannst du nicht teilen, allerdings seine Einschätzung des Täters als „pathetic“.
Sein bürgerlicher Name ist albern und klingt nach einer Aufforderung, mit Puddig zu koitieren. Sein gewählter Heldenname ruft Mel Brooks (bzw. Rick Moranis) auf den Plan: „Sigurd? Ich hasse Sigurd!“
Ganz abgesehen davon, dass der Täter, der sich unumkehrbar in die Annalen Europas geballert hat, es verdient hat, mit weniger kindischem Spott übergossen zu werden, bleibt die Frage nach passenden Nomen. Es tut deinem Lektorenherz weh, „Täter“ in diesen längeren Texten allenfalls mal durch „Attentäter“ ersetzen zu können. Aber sonst scheint kein Nomen angemessen.

Er ist kein Terrorist, die Tat folgt eher dem Muster dessen, was ständig falsch als „Amoklauf“ bezeichnet wird. Falsch, weil ein Amoklauf einen spontanen Ausbruch von planlosem Berserkertum meint. Den deutschen Medien, die seit Jahren mit dem falschen Begriff operieren, ist das kaum vorzuwerfen. Die anglophonen haben das etwas passendere, aber leicht reißerische „school shooting“, und der Tat-angemessene Begriff des „erweiterten Selbstmords“ (engl. „murder-suicide“) ist zu sperrig für die Publikumspresse. Angemessen ist er, weil Planung und Ausführung der Tat als Vergeltung von Demütigung und Isolation erst möglich werden, wenn Demütigung und Isolation den jugendlichen Täter in den Selbstmord treiben, den er aber noch bis nach der Tat aufschiebt. Das trifft auf den Attentäter von Oslo überhaupt nicht zu, schließlich hat er jedes Risiko, bei der Verhaftung auch nur verletzt zu werden, ausgeschlossen. Da passt dann schon eher „Terrorist“, wegen des ideologischen Hintergrunds und dem Motiv, mit der Tat politische Veränderung zu bewirken; obschon ihr es gewohnt seid, „Terroristen“ nicht als Einzeltäter zu sehen, als der der Täter von Norwegen wohl geplant und gehandelt hat – trotz seiner Vernetzung mit Gleichgesinnten.
„Mörder“ ist eine Nummer zu klein, „Massenmörder“ eine zu groß, wie auch nicht von einem „Massaker“ die Rede sein sollte. Denn es sind solche Begriffe, die die Grandeur dieser Täter bestätigen und ihren Nachfolgern die Aussicht verschaffen, ebenfalls für immer mit diesen wuchtigen Begriffen verbunden zu sein.
Hier bietet nur noch die kühle Sprache der Juristerei Orientierung. Auch wenn es hilflos wirkt, außerhalb des Gerichtssaals vom „Beschuldigten“ oder „Täter“ (bzw. wäre – dem Geständnis zum Trotz – „mutmaßlicher Täter“ korrekt, wie es der z.B. Deutschlandfunk lange konsequent durchgehalten hat) zu sprechen, so sind dies doch die angemessensten Begriffe für so einen… Täter.
Dass es der Boulevard damit nicht so genau nimmt, ist trauriger Teil der immer wiederkehrenden Medienrituale. Die BILD schmeichelt dem Täter als „blonder Teufel“; erfahrungsgemäß überfordert BILD lieber guten Geschmack und Anstand anstatt die Leserschaft, drum hat sie es mit „blonde Bestie“ sein lassen. („Watt? Nietzsche?! Bei welchem Verein spielt der denn?“) Wenn man es schon mit Äußerlichkeiten versucht, warum dann nicht lieber gleich „hübscher Wichser“?

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