Ein Atemzug


Vor einem Weilchen hast du dich am Rande gefragt, wie lange die Gegenwart wohl dauern mag, und dich vor einer Antwort gedrückt. Sie wäre in der Tat ontologisch irrelevant, allerdings ist es dem Verständnis vom Hier und Jetzt – und damit vom Hiersein und Dasein – zuträglich, sich darunter etwas vorstellen zu können.
Neulich nun kam dir eine ziemlich gute Maßeinheit in den Sinn, die überdies als Metapher der Gegenwart in jedem Sinne geeignet ist. Das Hier und Jetzt dauert einen Atemzug lang an.

Du kannst deinen Atem beschleunigen oder verlangsamen, du kannst ihn gar – auch wenn es in dieser metaphorischen Umgebung widersinnig zu sein scheint – „für einige Momente“ anhalten. Das indes verlängert bloß die Gegenwart, was einen gewissen Kraftakt darstellt, aber erfahrungsgemäß kein Ding der Unmöglichkeit ist.
Der Atemzug ist wie das Hier und Jetzt in dem Sinne, dass beide dein Leben begleiten und dein bewusstes Leben ermöglichen, ohne dir durchweg bewusst zu sein. Du hast immer schon geatmet wie du auch immer schon im Hier und Jetzt warst.
Sich auf einen Atemzug zu konzentrieren – auf diese Sache, die bis zur Unsichtbarkeit selbstverständlich ist – bereitet die faszinierendste Einblicke.
Selbst wenn du nichts wüsstest über die Theorien des Bewusstseins oder der Entstehung des Lebens in diesem winzigen Eckchen des Universums, wäre dein Atemzug ein unwahrscheinliches Wunder. So auch das Hier und Jetzt, worin das Hierseiende im Einatmen aufscheint und im Ausatmen verblasst. Nichts darin verweist darauf, dass es immer so war oder weitergeht; es ist unmöglich zu sagen, wo genau der Atemzug, die Gegenwart beginnt und wo sie endet. Eine im Großen und Ganzen stetige Auf-und-ab-Bewegung in einem Kontinuum.

Es zeigt sich darin auch die Wellenförmigkeit der Zeit und der Grundbewegung des Seins. Die Zeit auf diese Weise zu betrachten, ist nichts Neues. Vor einer Weile bist du auf diesen Hinweis von Michael Blume gestoßen, in dem die Zeit einer Zulu-Überlieferung zufolge ebenfalls als ewiger Fluss verstanden wird:

Auf den Wassern der Zeit,
Jener mächtige Fluss
Ohne Quelle und Mündung,
Den es gab, der ist
Und immer sein wird.

Mehr noch: Auch die Zulu folgen der Metapher darin, dass sich die Zeit in Bewegung verrät, die sich ihrerseits nur zeigen kann, wenn es etwas gibt. So mag die Zeit zuerst dagewesen sein – und wer weiß, „wie lange“ – , aber erst, als das Sein dazukam, wurde sie das, was ihr im Hier und Jetzt unter ihr versteht.

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