Voll aggro


Seit einigen Tagen bist du voll aggro. Mehrere Dinge stehen im Verdacht, Grund deiner erhöhten Reizbarkeit zu sein: Schlaflosigkeit, zu wenig Sex, zu viel Brotberuf, komische Ernährung.
Ein Assessment der Gesamtsituation.

Da ist zum einen (immer noch) der Tod von Hadayatullah Hübsch. Du nimmst es immer noch viel zu persönlich, wenn jemand stirbt, den du kennst…

Dann noch das: Du schläfst seit einigen Wochen ziemlich schlecht. (Hoffentlich nimmt das nicht ein so lahmes Ende wie „Der Maschinist“.) Aus irgendwelchen Gründen brummen nämlich neuerdings deine Türrahmen. Google hat auch keine Ahnung, warum, und bietet von Außerirdischen über defekte Hirnsonde bis Geothermiebohrungen alle möglichen Erklärungen. Den Kopf in Alufolie einzuschlagen hilft jedenfalls nicht. Es brummt hochtonig, als stünde ein Gerät im Standby unterm Bett, was deinen ohnehin flachen Schlaf in Zwei-Stunden-Portionen einteilt. Dazwischen drehst du eine Heizung auf und die andere ab, denn wenn Bewegung in die Rohre kommt, scheint das Brummen nachzulassen. Ansonsten half es immer wieder, beim Einschlafen das Radio angeschaltet zu lassen; nur kamen sowohl der DLF als auch NDR Kultur in den letzten Nächten auf die Idee, beschissene Neue Musik in den Äther zu blöken; da könntest du dich auch gleich zu Skinny Puppys „Too dark park“ in die Federn kuscheln. Immerhin rettest du dir nun das unausgeschlafene Gefühl auch in die Wochenenden, was den Montagsschock mildert.

Die naheliegendste Erklärung, die dir jeder Mensch für deine miese Laune gäbe, wäre Untervögelung – bekanntlich Kriegsgrund Nummer 1. Ein starkes Indiz für diese These ist es, dass du inzwischen ja sogar von Bundesministerinnen träumst.
Aber untervögelt bist du schon immer gewesen und es hat sich nie negativ auf deine Stimmungslage ausgewirkt. Deine Zellen haben ihren genetischen Imperialismus längst mit der passiv-aggressiven Haltung zu den Akten gelegt, dass der Verzicht auf Tradierung deines Best-of-Süd-und-Norddeutschland-Erbguts nicht dein Problem ist, sondern das der Spezies. Und auch mental fährst du sehr gut damit, dich schriftlich fortzupflanzen – obschon das Erfolgsniveau hier in etwa deinem biologischen entspricht und sich in seiner Potentialität erschöpft.

Als nächstes wäre die berufliche Situation abzuklopfen. Die Brotberufe halten dich mächtig auf Trab und das sollte den Kulturprotestanten doch abends zufrieden in den Sessel sinken lassen, tut es aber nicht. Damit, dass du ja durchaus etwas „Sinnvolles“ machst, wenn du Schulabbrecher für die Hauptschulprüfung drillst und kleinen Kindern mit Spracherwerbsstörung auf die Sprünge hilfst, kannst du nichts anfangen: Du machst das für die Kohle, mit der du die Finanzlöcher des Lichtwolfs stopfst. Irgendwie geht es am alleinerziehenden Vater einer defizitären Zeitschrift vorbei, dass es zum ersten Mal seit Jahren relativ sauberes Geld ist, mit dem das Projekt subventioniert wird. Gleichfalls zum ersten Mal verdienst du genug, um deinem Kleinen zu seinem neunten Geburtstag dieses Jahr eine größere Reise mit allen seinen Freunden nach Mainz spendieren zu können, und mehr noch: Es stehen für 2011 gleich drei Buchprojekte an, von denen zwei – darüber macht sich hier niemand Illusionen – absolut unverkäuflich sein werden und das dritte das Ergebnis einer Wette ist, innerhalb eines Jahres einen schnelldrehenden Krimi/Thriller zu einem aktuellen Thema schreiben zu können. Du schaffst derzeit so viel Kohle ran, ihr könntet noch jahrelang weitermachen, selbst wenn die Verkäufe ganz auf null sinken.
Doch immer, wenn etwas Gewohntes wegbricht, hier die existentielle Unsicherheit, kommt man ins Grübeln. Der Lichtwolf ist gegründet worden, um einen Freiraum zu erschaffen. Dessen Erhalt jedoch frisst deine Freiheit auf. Mit der Kohle, die du 2009 im Lichtwolf versenkt hast, hättest du jede Woche in den Puff gehen können, wenn du müsstest und dich trauen würdest; für 2010 sehen die Zahlen nicht besser aus. In den Puff oder Urlaub gehen – oder einfach weniger im Brotberuf rotieren, d.h. mehr Zeit zum Schreiben haben – dem eigentlichen Sinn der Sache, zumal wenn es eh scheißegal ist, ob es jemand liest oder nicht.

Wenn du dich im Brotberuf ohnehin nur des Geldes wegen engagierst, musst du dich auch gar nicht über das Ausbleiben von Erfolgserlebnissen wundern.

Der Hauptschulkurs fährt absehbar an die Wand, weil die Weisheiten der Bildungspolitik Einzug halten: Mehr Teilnehmer in kürzerer Zeit unter einheitlichen Vorgaben zu besseren Ergebnissen bringen.
Du kannst derweil froh sein, wenn die Kinderchen ihr Unterrichtsmaterial mal dabei haben; dann handelt es sich meist um eine Aldi-Tüte, in die sie ihre Zettelchen stopfen. Haben Sie das Zeug aus der letzten Stunde verbummelt, gibt es eine 6 und sie sind sauer, als sei es deine Schuld, weil du sie nicht in die seit Jahrzehnten bewährte Tradition des Abheftens eingewiesen hast. Dein Leib & Magen-Thema Briefe & E-Mails wurde kurzerhand gekippt, ist ja auch nicht so wichtig für die Lebenswelt. Ihre Bewerbungen schreiben die Kinderchen dann eben per SMS.

Oder die Kindergärten bringen dich so auf die Palme? Nicht nur geben einige Leute ihren Kindern die bescheuertsten Namen aus dem Bundesliga- oder Porsche-Prospekt. Nein, sie bringen es auch nicht fertig, mit dem Nachwuchs vernünftig zu sprechen – und du hast dann Fünfjährige vor dir, die ein unverständliches Gebrabbel hervorbringen, in dem die vernuschelten Namen von Fernsehfiguren wie linguistische Wrackteile herumtreiben.
Kostenloser Tipp an alle werdenden Eltern: Sobald die Fortpflanze ausdauernd zu lallen beginnt, wird mit ihm vernünftiges Hochdeutsch gesprochen, und zwar langsam und deutlich! Dem Spracherwerb ist es überdies (sagt die Fachliteratur) dienlich, das finite Verb irgendwie ans Satzende zu bugsieren. Das ist im Deutschen mit seiner Grammatik, die den kindlichen Spracherwerb zu einem noch größeren Wunder macht, als er ohnehin ist, mit Relativsatzkonstruktionen zu bewerkstelligen: „Schau mal, wie die Maus auf den Käse guckt!“ „Das ist der Mann, der die Post in den Briefkasten wirft.“ Zur Not Hilfs- und Modalverben, aber wenn’s denn bitte geht ohne „tun“: „Die Maus möchte den Käse essen!“ „Der Mann will uns die Post bringen.“

Natürlich sind unter den kleinen Leuten auch richtige Herzchen, die dich neidisch auf ihre Eltern machen. Daneben hast du es aber auch mit werdenden Arschgeigen zu tun, die im Erwachsenenalter den Eindruck vermitteln werden, sie hätten in ihrer Erziehung einmal zu selten eine gewischt bekommen. Klar, du blickst mit stiller Nachsicht auf sie, warst du als Kind schließlich auch eine richtig dumme Sau, die im Verlaufe der Jugend jedoch hinreichend oft Vollkontakt mit älteren oder stärkeren Mitmenschen hatte, die deinen Eskapaden weniger nachsichtig begegneten. (Die anglophone Pädagogik nennt einen verständnisvollen Saftsack wie dich, der sich der didaktischen Harmonie zuliebe alles gefallen lässt, „enabler“; oder hast du das aus „American Dad“?)

Am nervigsten jedoch ist die Herumgurkerei, die der Brotberuf erforderlich macht. Weil deine Kindergärten in ganz Ostfriesland verteilt sind, haust du pro Woche mindestens 40 Euro für Sprit raus. Die kriegst du zwar erstattet, aber genauso gut könntest du jede Woche einen Eimer Benzin auf deine Gemüsebeete kippen. Letztlich machst du ja genau das, nur eben so, dass der ganze Planet was davon hat.

Hier führt dich dein ökologisches Gewissen sogleich zum nächsten möglichen Grund deiner strukturellen Genervtheit. Vielleicht liegt es ja daran, dass du seit vier Wochen Werktagsvegetarier bist (so ein Lichtwolf zu „Essen & Trinken“ geht auch am Herausgeber nicht spurlos vorüber) und 2011 bislang nur ein halber Steinbeißer, zehn Fischstäbchen und ein Steaktier für dich den Heldentod sterben mussten.
Du neigst nicht zur gewagten These, ein Mangel an tierischen Eiweißen halte dich gerade so aggressiv. Viel schwerer wiegt nämlich dein Frust darüber, dass die Ernährungsumstellung gar nichts verändert hat. Du fühlst dich kein bisschen besser als zu Zeiten von Tiefkühlpizza und Schutzatmosphärenfleisch, weder körperlich noch moralisch. Deine Lebenshaltungskosten haben sich nicht vermindert – wenigstens sind sie auch nicht gestiegen. Das Geld, das du einsparst, weil du jetzt seltener einkaufst – immerhin kommt man mit Brot, Käse und Salat länger aus als mit zwei Schnitzeln aus dem Sonderangebot – gibst du auf dem Markt für teures Biozeug aus, als wüsstest du nicht, dass die dich genauso verarschen könnten.
An den Ständen, zu denen die hiesigen Öko-Bauern ihre schönsten Töchter schicken, fragst du dich, wie die im tiefsten Winter knackfrische Äpfel und Karotten anbieten können, während dir das Zeug im Lager längst erfroren oder vergammelt ist.
Bei der Fleischfachverkäuferin deines Vertrauens leidet nämliches unter den Plakaten und Aufstellern, auf denen dem Verbraucher unbeholfen versichert wird, dass alles gut ist; irgendwelche zertifizierten Prüfverfahren, die einen Lebensmittelskandal bestenfalls aufdecken, aber nie verhindern helfen. Die Kunden in der Schlange versichern sich ihrerseits, indem sie betonen, in vier Wochen werde von Dioxin keine Rede mehr sein. Als wäre das Zeug, das ihr zu fressen kriegt, weniger giftig, wenn die Medienkarawane zum nächsten Skandalon weitergezogen ist!
Oder als hülfe es wirklich, für alles mehr zu bezahlen. Bald fliegt der erste Großbauer auf, der die gleichen Möhren einmal im Sack an den Discounter und einmal im Jutebeutel ans Reformhaus verschickt, wo der gleiche Mist zum zehnfachen Preis verkauft wird. Warum sollten sie das Risiko auch scheuen? Der Bio-Markt wächst und wird ökonomisch interessant. Und wenn irgendwelche Schweinereien auffliegen, gibt es ein Hütihüti von den Hochleistungsrindviechern in den Umwelt- und Verbraucherministerien, man meldet einfach Insolvenz an und hat sich bis dahin eine goldene Nase daran verdient, dass den Leuten nur die Wahl bleibt zwischen Ignoranz und Ablasshandel. (Vielleicht solltet ihr auf den nächsten Lichtwolf auch ein paar Gütesiegel und ein grünes Logo kleben, das nach Bio aussieht.)

Es darf dem „unsichtbaren Komitee“ unterstellt werden, sich rege Gedanken darüber gemacht zu haben, wie man heutzutage ohne Monsanto und Metro überleben könnte. Die Aussichten sind schlecht. In „Der kommende Aufstand“ wird nur en passant erwähnt, dass der Dioxingehalt in Muttermilch seit Jahren steigt.
Selbst diejenigen, die den Luxus eines Gartens haben, in den sie sich ein paar Hühner und Schweine stellen könnten, die das Gemüse düngen und am Ende eines langen Lebens in der Feiertagssuppe landen, können nicht entkommen. Der Dioxineintrag in Boden und Atmosphäre hat so absurde Dimensionen angenommen, dass ein tatsächlich im Freien lebendes Huhn mehr Giftstoffe aufnimmt als eines, das sein kurzes Leben in einem geschlossenen Käfig verbringt. Besser hätte es die Lebensmittelindustrie nicht planen können und angesichts dieser Lage ohne Ausweg und Durchblick ist es verständlich, wenn die Leute inzwischen selbst bei der Ernährung Zuflucht in Ismen nehmen.

Die Welt ist mit Falschheit überzogen wie der Planet von Verkehrswegen. Das ist doch ein guter Grund, voll aggro zu sein.

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