Persönlicher Nachtrag zu Hadayatullah Hübsch


„Und sing von den Tagen und dem,
Was du zu tun wagtest, was du
Zu tun gemieden hast, langsam sinkt
Der Schleier, was vor dir ist,
Was hinter dir ist, wer weiß?“
– Hadayatullah Hübsch, „Ratschläge bei Sonnenuntergang“, in: „Macht den Weg frei“, 1998

Irgendwann musste es ja so kommen. Seit fast einer Woche steht der Lichtwolf im zehnten Jahrgang, da bleibt sowas nicht aus, denn: „On a long enough timeline the survival rate drops to zero.“ (Tyler Durden) Dennoch ist es seltsam – und zwar auf die gleiche Weise wie die auf der anderen Seite der Nachrichten aus der Lebenswelt angesiedelten Elternfreuden im Bekanntenkreis. („Voices calling, voices crying / Some are born / and some are dying“, Johnny Cash, „The Man comes around“) Vorgestern nämlich ist erstmals jemand gestorben, der im Lichtwolf veröffentlicht hat.
Den ganzen Dienstag über funktionierte der Internetzugang nicht, als du gestern Morgen wieder online warst, hast Du via Glanz & Elend vom Tod Hadayatullah Hübschs erfahren. In der Wikipedia stand es auch, trotzdem hast Du beim Schreiben des Nachrufs gedacht: Was, wenn das Gefühl nicht trügt und es sich bei der Meldung bloß um ein Gerücht oder eine Ente handelt?

Hadayatullah hätte bestimmt mit freundlichem Interesse jeden einzelnen der Nachrufe gelesen, die inzwischen im Internet erschienen ist. Sogar die FAZ, für die er in den 70-ern schrieb – unter seinen damaligen Beiträgen war, wie Matthias Penzel Dich informiert, „quasi die allererste Rezension“ eines Buchs von Jörg Fauser – hat in der gestrigen Ausgabe den Tod des Beatniks, Ex-Kommunarden und Imams vermeldet; heute auch der Deutschlandfunk. Freundliches Interesse – und eine jungenhafte Verlegenheit, wo immer er sich geschmeichelt oder gar gerühmt wähnt.
Du bist mit dem Weltbild der islamischen Ahmadiyya-Gemeinschaft, der sich Hadayatullah nach 68 und LSD-Tagesdosis anschloss, nicht vertraut – obwohl du in Freiburg mal einen Vortrag von ihm darüber besucht hast und er dich später immer wieder mit einschlägigem Infomaterial versorgt hat. So kannst du nur spekulieren, ob er von den ganzen Obituarien nicht doch irgendwie, irgendwann, irgendwo erfährt – nun da ziemlich klar ist, dass es sich bei der Meldung seines Todes nicht um eine Ente handelte.

Als der Lichtwolf im Sommer 2004 das „Dunkle Zeitalter“ verließ und nicht mehr bloß als zusammengenagelter Papierstapel erscheinen wollte, sondern als ordentliches Heft mit Verkaufspreis und allem, bist du in die UB marschiert und hast dir „little mags“ ausgeliehen, Hadayatullahs aus der langjährigen Underground-Praxis geschöpften Leitfaden der Kleinzeitschrifterei. Der maschinengeschriebene Lichtwolf des „Freiburger Zeitalters“ bis 2008 orientierte sich vollauf an den little mags, die Hadayatullah in seinem Buch beschrieb. Als er 2007 gemeinsam mit Gasoline-23-Herausgeber Jürgen Ploog am Rande der Minipressenmesse in einer Mainzer Buchhandlung las, musstest du selbstverständlich dort hin und endlich deine Aufwartung machen.

Hadayatullah Hübsch bei einer Lesung in Mainz, 2007.

Hadayatullah Hübsch bei einer Lesung in Mainz, 2007.

Weil du mit der Bewegung in Großstädten überfordert bist, kamst du zu spät und bist mitten in die bereits laufende Lesung geplatzt; die Begrüßung der Lesenden hast du verpasst. Mit dem festen Entschluss, dem Mann, von dem du bisher nur gelesen hast, für sein Buch zu danken, bist du in der Pause nach vorne getrabt – und zwar zu dem adretten Herren im Herrmann-Hesse-Gedenk-Leinenanzug. „Guten Abend, Herr Hübsch, ich gebe die Zeitschrift Licht…“ Schon da erklärte dir Jürgen Ploog mürrisch: „Herr Hübsch sitzt da drüben.“
Mit Sicherheit hätte sich Hadayatullah über den Fauxpas kaputtgelacht, der am Anfang eurer Bekanntschaft stand. Er hat dir sein Buch gegen selbsternannte Gotteskrieger signiert, du hast ihm ständig Lichtwölfe geschickt. Ihr habt Briefe ausgetauscht und irgendwann kam Hadayatullah auch dazu, endlich einige Beiträge für den Lichtwolf (in der Nr. 30) zu schreiben.
Auch für die aktuelle Nummer zum Thema „Essen & Trinken“ hat er Texte geschrieben, die du – blöd wie du bist – erst nach Druckschluss im Stapel unbeantworteter Post wiedergefunden hast. Sie werden nun erst im Frühlingsheft erscheinen. The Show must go on, der Kampf geht weiter, die Jahreszeiten rücken vor und die Geschichte der Menschheit ist ein einziger Tanz auf Gräbern. Gewiss, aber es bleibt, wie nach jedem überraschenden Tod, noch so viel offen und unklar, außer eben, dass es weitergeht, immer weiter. Irgendwann wirst du für den Lichtwolf den nächsten Nachruf schreiben müssen, dann den nächsten und später werden die Nachrichten über Todesfälle in deinem Bekanntenkreis häufiger sein als die über Geburten.

Anfang Juni ist wieder die Minipressenmesse in Mainz, zu der der Lichtwolf mit großer Delegation anrücken wird. 2009 hast du nur ein kurzes Schwätzchen mit Hadayatullah an seinem Stand halten können, nun wird er für immer fehlen.

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