Weltanschauliche Neutralität


Dein neuester Brotberuf führt dich in Kindergärten, wo du Sprachförderunterricht gibst. Hier kannst du endlich mal die hohe Kunst des Small Talk lernen, denn natürlich kannst du die kleinen Leute nicht einfach aus der Legokiste rupfen und ihnen stantepede Grammatik und Wortschatz eintrichtern. Nein, vor allem musst du allerhand Spielchen veranstalten und natürlich zunächst mal ein lockeres Schwätzchen mit den Lütten halten.
Dabei kommt dir die Saison sehr zupass: Vor und nach Martini konnte man über Laternen und Süßigkeiten palavern und für die Stimmung zusammen noch ein schönes protestantisches Kampflied singen. Entweder gibt es in deinen Kindergärten keine Katholiken – oder aber sie halten es wie die muslimischen Kinder, die sich nicht lumpen lassen und am Geburtstag des Reformators natürlich auch von Haus zu Haus ziehen wollen, um Süßigkeiten zu ersingen. Ein kleines Mädchen aus dem Irak hat ihre Probleme mit dem Hochdeutschen, aber das plattdeutsche Martinilied „Mijn lüttje latern“ singt sie fehlerfrei.
Schwieriger wird es bei Weihnachten: Wie es sich für einen modernen Menschen in einer multikulturellen Gesellschaft gehört, hast du dir den Gruß „Fröhliche Weihnachten!“ schon vor Jahren abgewöhnt. An seine Stelle trat „Schöne Feiertage!“, was als „Happy holidays!“ jeden strammen Christen im amerikanischen Mittelwesten auf die Christpalme bringt. Damit ließen sich alle muslimischen, christlichen und atheistischen Kinder in die Ferien verabschieden, denn vor dem gesetzlichen Feiertag sind alle gleich. Du bist jedenfalls heilfroh, nicht in der Zwickmühle gläubiger Muslime in Deutschland zu stecken, die ihren Kindern heute entweder nichts schenken und das Herz brechen oder aber den Zinnober mitmachen, in dem sich Christentum, heidnische Rituale und der Kapitalismus aufs Ärgste vereinigen.
Die Zeugen Jehovas gehen damit sehr erwachsen um: Sie nehmen ihre Kleinen einfach vom ersten Advent bis zum neuen Kalenderjahr aus dem Kindergarten. Scheißegal, ob da Sprachförderung stattfindet, scheißegal, ob die Lütten alle ihre Freunde vermissen. Bei den Zeugen findet Weihnachten nicht statt, nur Weltuntergang, und sie können – hast du gehört – ganz schön giftig auf Weihnachtsdeko oder gar Weihnachtslieder im Kindergarten reagieren. Warum machen die Zeugen nicht einfach ihre eigenen Kindergärten auf – Räume und Kohle haben sie ja -, die sie dann anderthalb Monate im Jahr wie einen Atombunker abriegeln, damit die Kiddies nix von Weihnachten mitkriegen?

Beim vorweihnachtlichen Small Talk sind dir die Grenzen deiner kulturellen Empathie deutlich geworden, als du jedes Kind gefragt hast, ob es sich auf Weihnachten freue und was es sich wünsche. Den blonden Zwerg mit plattdeutschem Sprachhintergrund ebenso wie die kleine Libanesin, die einen Apfel in den Farben der palästinensischen Flagge angemalt hat. Nix mehr mit „Schöne Feiertage!“, stattdessen zuckten ziemlich viele Kinder „mit Migrationshintergrund“ (womit unsäglicherweise nie z.B. das deutsch-englische Kind gemeint ist) mit den Achseln. Kulturfauxpas! Nuja, dafür gibt es am Ende des Ramadan ordentlich Süßigkeiten und in den nächsten zwei Monaten geht es im Small Talk sowieso nur noch um Iglus, Glatteis und Schneemänner. (Note to self: Darauf achten, ob du Kinder aus lesbischen oder hardcore-feministischen Lebensgemeinschaften unterrichtest!)

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