Söldnerlogik


Mit Sport hast du nicht viel zu schaffen, mit Fußball schon gar nicht. Dennoch hast du die Ohren gespitzt beim vorgestrigen Sportgespräch im Deutschlandfunk.
Man sollte meinen, Dieter Hundt sei als Arbeitgeberpräsident mit dem Kampf gegen Lohnerhöhungen genug ausgelastet, um nicht auch noch im Sportfunktionärswesen mitzumischen. Doch diese Aufgabe ist recht überschaubar: Im Abschwung ist schließlich kein Geld für mehr Lohn da und im Aufschwung gehen Investitionen vor, so die übliche Leitlinie. Und wenn die Politik dann mal auf die vollkommen irre Idee kommt, es könne der Binnennachfrage dienlich sein, wenn die Reallöhne wenigstens kurzzeitig wenigstens zu sinken aufhörten (ausgerechnet das FDP-Brüderle!), wird sie mit Verweis auf die Tarifautonomie weggebissen.
So findet Hundt eben auch die Muße, sich nebenbei im Aufsichtsrat des VfB Stuttgart herumzutreiben, und das passt dann ja doch, denn wer was werden will in diesem armen Land, sollte sich gefälligst ums Netzwerk kümmern. Wo fiele das leichter als „auf den Rängen“ oder wie das heißt bzw. eben in den VIP-Lounges hoch über dem grölenden Plebs; wie lustig wäre nur der volkswirtschaftliche Schäden, geräte Hundt tatsächlich mal wie der Den Haager Bürgermeister Wim Deetman in die Niederungen echter Fußballfreunde…

Im Radio hatte Hundt nun also Gelegenheit, die Sittenverwahrlosung im Fußball zu beklagen. Da ging es ihm keineswegs so sehr um den FIFA-Filz, um die Korruption auf und rund um den Platz, um irrsinnige Gehälter oder einst gefeierte Starkicker, die vom „up or out“-Prinzip des Profifußballs den hinteren Teil abgekriegt haben und sang- und klanglos in den Hartz-IV-Lokus gespült wurden. Soviel zur Solidarität, die ausgerechnet ein Präsident des BDA fordert, der am liebsten den kümmerlichen Rest des Sozialstaats dem Ehrenamt übertragen würde.
Nein, so meint Hundt das natürlich auch gar nicht mit der Solidarität; die sollen die Vereine vielmehr untereinander beweisen, um einem viel größeren Übel zu begegnen. Denn er beklagte allen Ernstes, dass immer mehr Spieler ihre Verträge vorzeitig auflösen und die Arbeitgeber wechseln, die Hundt berufsmäßig besonders am Herzen liegen.

Fachkräfte, die dem Ruf des Geldes folgen – nein, so hat man sich die Totalliberalisierung dann doch nicht vorgestellt. Ökonomischer Liberalismus, den Hundt & Co. seit gefühlten Äonen predigen, ist nur was für Unternehmen; die Arbeitnehmer sollen gefälligst weiterhin der unergründlichen Hire&Fire-Ratschlüsse der Personalabteilung harren und nicht etwa die Organisation ihrer weiteren Erwerbstätigkeit selbst in die Hand nehmen. Da erinnert Hundt einerseits an CDU-Leute, die revoltierenden Nationen Demokratie wünschen, solange sie nicht eine Regierung ins Amt bringt, die das Heil des Landes nicht vorrangig in Tourismus und Rohstoffexport sucht. (Immerhin schön zu sehen, dass endlich auch in der CDU der alte Spontispruch angekommen ist: „Wenn Wahlen wirklich etwas ändern würden, wären sie verboten.“)

Andererseits kommt dir das Söldnerwesen der frühen Neuzeit in den Sinn. Der freie Markt könne nicht seine eigenen Grundlagen schaffen, wie immer wieder von den Marktgläubigen gepredigt wird, die sich den moralischen Lendenschurz noch nicht vollends vom Geschröte gerissen haben; er kann seine Grundlagen aber sehr wohl erodieren, wenn sie nämlich nur noch in Sonntagsreden Platz haben. Deutlichstes Symptom ist wohl die Aushöhlung eines Begriffs wie „Solidarität“, der sogar vom BDA-Präsidenten in den Mund genommen werden kann, weil die Arbeitgeberschaft nach jahrzehntelanger Atomisierung der Erwerbstätigkeit vom Gemeinten längst nichts mehr zu befürchten hat.
Die Höfe der frühen Neuzeit waren begeistert vom Söldnerheer, das man sich im Kriegsfall bequem übers Internet anmietete und die Kohle, die ein stehendes Heer verschlingen würde, für Koks und Nutten ausgeben konnte. Die Gefahr eines Militärputsches, wie ihn das antike Rom mehrfach seinem Legionärswesen zu verdanken hatte, war übersichtlich. Erst nach und nach dämmerte den Fürsten das, was eines Tages vielleicht auch Dieter Hundt klar wird: Dass das Sparen am falschen Ende einen teuer zu stehen kommt und die Gesellschaft die guten Quartalszahlen länger abstottert, als ein Aufsichtsrat im Amt bleibt.
Nicht nur geht ein Söldnerheer ziemlich ins Geld, wenn der Krieg mal etwas länger, sagen wir: 30 Jahre dauert. Auch wird der Hof gewiss die Irritationen der Bevölkerung verschmerzen, die nicht weiß, ob die letzte Plünderungs- und Vergewaltigungswelle mit den Söldnern kam, die für, oder mit denen, die gegen ihren Fürsten kämpfen.
Denen ging erst spät ein Licht auf über das Wesen des Dienstverhältnisses, das sie lange Zeit als unerlässlich für die höfische Flexibilität und Wettbewerbsfähigkeit gepriesen haben: Der Söldner kann und sollte diskret, diszipliniert und motiviert sein, doch er ist dies allein aus Rücksicht auf seinen Ruf, von dem er lebt, und nicht um des ArbeitAuftraggebers willen. Kein Söldner käme auf die Idee, für den, der ihn bezahlt, etwa zu sterben oder seine Zukunft darauf zu gründen, das er ein Leben lang in seinen Diensten steht. Stattdessen kämpft er nur um sein eigenes Leben dort, wo man ihn für Geld hingestellt hat, und dies nur solange, wie er nichts Besseres findet.

Hundt kreischt den Fußballern, die einer Söldnerlogik folgen, die zum Arbeitsmarkt passt, sein „Pacta sunt servanda!“ hinterher, das seit zwei Jahren wieder schwer à la mode ist, wenn es gilt, „Alternativlosigkeiten“ mit einem Anstrich von Rechtschaffenheit zu versehen, nachdem „der Wettbewerb“ und „die Sachzwänge“ nur noch die Blödesten dazu bringen, stillzuhalten während sie sich ausplündern lassen.
Mit denen und ihrer unternehmerischen Freiheit werden die Arbeitgeber schon in wenigen Jahren alleine in der Kantine sitzen und sich fragen, was sie denn falsch gemacht haben, während draußen der erbarmungslose Kampf aller 1-Personen-Unternehmen gegeneinander und gegen sie selbst tobt. Sollte es etwa nicht gereicht haben, die Unis zu Ausbildungs-IKEAs abwracken zu lassen, Arbeitnehmerrechte als Standortnachteil zu deklarieren, den Dumpinglohnwettkampf mit Osteuropa aufgenommen zu haben und den Fachkräftemangel laut zu beklagen?

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