Der Winter ist da!


Heute wieder Großkampftag, den du mit dem Gedanken, es sei der letzte solche in diesem Jahr, jedoch recht mutig angingst. Zumal du dich – als Aufsicht der ersten Abschlussklausur – auf nichts vorbereiten musstest. Aber lasse dich nicht täuschen: Klausuren sind eine heimtückische Sache. Einerseits kannst du den ganzen Vormittag lang lesen, anstatt dich heiser brüllen zu müssen. Andererseits bedeutet die Korrektur zwei Nachmittage unbezahlter Arbeit.

Morgens wiederholte sich glatt das gestrige Spiel von evozierter Sorge und nachgelegter Erleichterung (Was man von der Regisseurin Natur alles lernen kann!): Ein Reh stromerte vor deinem Fenster herum und knusperte den Senf weg, der sich von der Eiseskälte nicht beeindrucken lässt. Da dachtest du an die Jäger vom Freitag und wie du da noch gehofft hattest, sie mögen sich mit ein paar Hasen zufrieden geben, anstatt hier auch noch die Rehfamilien abzuknallen und ihren devoten Hunden vorzuwerfen.
Als du dich schließlich sputen musstest, um das Eis vom Auto zu kratzen und pünktlich zur Klausur zu kommen, und also vor die Tür getreten bist, sahst du zumindest noch einen Gefährten des Rehs im Gestrüpp hinterm Weiher. Während du dich langsam von den beiden Tieren in Richtung vereiste Karre entferntest, hast du eifrig beteuert, zu den Guten zu gehören und nichts außer der Chromosomenzahl mit den Kerlen gemein zu haben, die hier am Freitag rumgeballert haben. Wie bei den Katzen vor einem geplatzten Erstkontakt nützt auch hier alles Gerede nichts; die Rehe sind halt trotzdem nach – wenn auch ausgiebigem Beäugen – getürmt.

In der Menschenwelt wachtest du dann erstmal darüber, dass deine Schützlinge nicht Schummeln in der Deutsch-Klausur, mit der sie – hoffentlich erfolgreich – den ersten Teil der Abschlussprüfungen hinter sich bringen. Zwischendrin wurdest du für eine halbe Stunde abgelöst, die du dafür genutzt hast, die eingetüteten Lichtwölfe zur Post zu bringen (wo wegen Weihnachten die Hölle los war; wie soll das eigentlich werden, wenn sie die hiesige Hauptstelle wie geplant dichtmachen und ihr Provinzidioten euch in der Ecke eines Supermarkts die Beine in den Bauch stehen sollt?!)
Nachdem auch der letzte Schüler abgegeben hatte, begann es zu schneien; während der Nachhilfe am Nachmittag wurde das immer schlimmer, sodass du im Anschluss erstmal (fast schon katastrophen-euphorisch) das Auto freischaufeln musstest und im Schleichgang weitergegurkt bist. In der Stadtbibliothek machtest du deine Hausaufgaben für den Buchführungskurs und versuchtest, dir die durchnässten, löchrigen Schuhe aufzuwärmen. Tragischerweise schmolz dir die dortige Heizung Rillen in die brüchigen Plastiksohlen.

Der Schnee lag jedenfalls und blieb. Zu Hause hinterm Deich sah es aus wie auf dem Mond vor 1969. Trauni guckte bloß durchs Fliegengitter, du hast sie aus der Bude gehoben und in den knöchelhohen Schnee gesetzt. Sie stapfte einmal im Kreis – vor Irritation über den seltsamen Bodenbelag maunzend -, um sogleich wieder in die warme Butze zu fliehen.
Hier draußen ist die Wirkung des Schnees als ontologischer Schalldämpfer besonders krass: Man hört wirklich nichts mehr außer dem Rauschen des Bluts in den Ohren und dem gelegentlich aufbrandenden Schimpfen der Seevögel jenseits des Deiches. Was die jetzt wohl denken mögen…

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