Katzenhierarchie (2)


Lichtwolf Nr. 28 ist aus der Druckerei gekommen und du warst den ganzen Tag mit Eintüten beschäftigt. Als du dich abends in der Raucherpause nach draußen in die überfrierende Nacht wagtest, bist du sogleich in große Katzenaction geraten, die alle Elemente eines guten Films hatte: Spannung, Verzweiflung, Auflösung in Happy End – garniert mit einer angenehmen Botschaft.
Kaum hattest du die Tür geöffnet, schlug Trauni sogleich an, was dich veranlasste, mit der Taschenlampe nachzusehen, was das Katzentier gewittert haben mag. Bald leuchtete ein Augenpaar aus dem Gestrüpp hinterm Weiher zurück, was du dir mit kräftig Rotwein im Kopp dann näher angucken wolltest.
Gerade hattest du Traunis kleine, schwarze Verwandte identifiziert (denn sie pflegt sich eben an dieser Stelle zu verstecken) und nahmst Kontakt auf (um sie herauszulocken, ihre verletzte Pfote zu prüfen und sogar und zur Not unter Zwang ins Haus zu holen, weil es wahrlich schon weit unter 0° C hatte…) – da kam ein altbekanntes Maunzen aus dem Baumwipfel über dir: Sophie schon wieder. Schon wieder in der obersten Baumkrone! Es war praktisch die gleiche Situation wie an einem Abend vor einem Monat!
Zunächst versuchtest du, Sophie in the Sky with Diamonds zu beruhigen, gleichzeitig Traunis Cousin herbeizulocken, während Trauni selbst hinterm Fliegengitter im Zimmerlicht saß und sich das ganze mit Heizung im Rücken anguckte. Du warst nun ziemlich ratlos, denn auf dem Gartenschemel würdest du gerade mal auf die halbe Höhe bis zu dem Ast reichen, auf dem Sophie in offenkundiger Angst vor Traunis Verwandtschaft kauerte, während ringsum längst der Frost glitzerte. Selbst wenn: Das Riesenvieh würde niemals einen Sprung in deine Arme wagen; wenn doch, wäre für deine Sicherheit am allerwenigsten gesorgt. Halb belustigt holtest du dir erstmal Rat bei einer Zigarette.
Als du damit zurückkehrtest, weiter in den Baum leuchtetest und beruhigend auf beide Katzen einsprachst, gab sich Sophie einen Ruck und kletterte den Baum mit einer solchen Präzision und Eleganz herunter, dass du deine Haltung, die Krone der Schöpfung gebühre eigentlich den Katzen, vollauf bestätigt fandest. Die bei allen fehlenden Tassen im Schrank doch schlaue und geschickte Sophie legte einfach den Rückwärtsgang ein und hangelte sich blind, bloß taktil von einem Ast zum nächsten herab, wendete auf dem letzten Meter und sprang lautlos ins gefrorene Gras. Du hattest gerade noch Gelegenheit, sie mit anerkennenden Worten ausgiebig zu streicheln, was wohl mehr zu deiner Beruhigung als ihrer beitrug, da tat sich schon was im Gehölz: Traunis Verwandte schien dich nun, da Sophie wieder auf dem Boden war, völlig zu ignorieren, huschte hervor, durch den ausgetrockneten Weiher, an dir vorbei und Sophie hinterher, die da schon gen Zuhause davongaloppierte. Es scheint in der hiesigen Katzenwelt also tatsächlich ein seltsamer hierarchischer Zyklus zu herrschen: Trauni fürchtet Sophie, Sophie fürchtet Traunis Verwandte und Traunis Verwandte fürchtet Trauni. Wahrscheinlich verwechselt Sophie die beiden nicht einmal mit einander, sondern bei den Katzen herrscht tatsächlich das anarchistische Ideal des Status F – des völligen Gleichgewichts von Harm und Furcht zwischen allen Individuen.

Der beruhigende Subtext des ganzen Ereignisses ging dir erst später auf: Die Verve, mit der Traunis Verwandte aus dem Gebüsch heraus- und Sophie hinterherjagte, war elegant. Kein Humpeln, kein Übersprung, nichts. Um Traunis Verwandte, die du zuletzt humpelnd gesehen hattest und von der du nicht weißt, ob sie überhaupt irgendwo einen sicheren Ort hat, hattest du dir echte Sorgen gemacht. (Dabei sind alle Katzen hier mindestens halb wild.)
Nun bist du mit der Taschenlampe hinterher – auch um Sophie nötigenfalls zu beschützen. Inzwischen bist du hier wirklich zur Schweiz der Katzen geworden. Aber du hast nur noch Traunis Verwandte wiedergefunden, deren Katzenaugen deine Taschenlampe aus dem glitzernden Dunkel reflektierten und alles gute Zureden nur mit skeptischen Blicken quittierten. Dann kam auch noch die übrige Fauna ins Spiel, als du Traunis Verwandter so weit folgtest, bis plötzlich irgendwas Größeres (wahrscheinlich die Rehe) mit ordentlichem Gerumpel über die Totholzhecken und die Felder davonstürmte.
Da kehrtest du dann doch in die Butze zu Trauni zurück, ehe dich die Wildschweine holen, und erzähltest ihr erstmal lang und breit von ihren Schöpfungskollegen da draußen. Aber sie maunzte nicht einmal, sondern legte sich gleich wieder zum Schlafen auf den Karton mit den unverkauften Exemplaren von „Dein Leben ohne mich„.

P.S.: Zuletzt übrigens zeigt sich häufiger eine neue (?) Nachbarkatze. Sie sieht nun Sophie sehr ähnlich, nur grau statt rot getigert, und könnte ihre Mutter sein. Auf Trauni ging sie einmal nicht ganz so forsch zu wie Sophie, dafür fauchte Trauni auch nicht ganz so wütend.
Trotzdem: „Mit einer solchen Haltung unseren Besuchern gegenüber werden wir hier ja immer nur zu zweit sein“, so deine seufzende Schimpfe.

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