The Divided States (V): Schweres Erbe

Einem „wiedergutgewordenen Deutschen“ (Eike Geisel) steht es natürlich als Allerletztem zu, die US-Amerikaner zur Buße ihrer nationalen Erbsünden anzuhalten, weshalb es Susan Neiman unternommen hat, ihren Landsleuten in Sachen Vergangenheitsbewältigung den Rat zu geben, der auch ihrem Buch den Titel gab: „Von den Deutschen lernen“.

Kaum irgendwas bestätigt den Werbespruch der Historikerzunft, wonach die Vergangenheit weder vorbei noch vergangen ist, so sehr wie die bis heute überall spürbaren Folgen der jahrhundertelangen Ausbeutung und Diskriminierung der erst im jüngeren Teil ihrer Geschichte so genannten Afro-Amerikaner.

Die USA haben mit 666 [sic!] pro 100.000 Einwohner die weltweit zweithöchste Rate von Inhaftierten und ein überproportionaler Anteil von ihnen ist schwarz, womit das rassistische Vorurteil vom gefährlichen Schwarzen seinen eigenen „Beleg“ produziert.

Durch den Neuzuschnitt von Wahlkreisen, das sogenannte Gerrymandering, versuchen Republikaner seit Jahrzehnten die Stimmen schwarzer Wähler zu neutralisieren, die ihr Kreuz seit den 1960ern eher bei den Demokraten machen. Hinzu kommen allerhand gesetzliche Hürden, die darauf abzielen, vor allem Afroamerikanern die Ausübung ihres Wahlrechts zu erschweren. Nichtweiße Wähler müssen länger Schlangestehen und dürfen mit drei- bis viermal größerer Wahrscheinlichkeit nicht ihr Wahlrecht ausüben – dessen dauerhafter Verlust nach einer Gefängnisverurteilung ist nur einer von vielen Gründen.

Um die Gesundheit der US-Amerikaner ist es schon länger nicht gut bestellt. Während die Lebenserwartung der Einwohner anderer Industrienationen steigt, nimmt sie in den USA seit etwa sechs Jahren ab, was mit dem seit 20 Jahren zu beobachtenden Anstieg von „Verzweiflungstoden“ infolge von Suizid, Alkoholismus und Drogenmissbrauch zusammenhängt. Aufgrund einer ebenso inkompetenten wie desinteressierten Regierung sind die USA besonders hart von Covid-19 betroffen und unter den US-Amerikanern am meisten die Schwarzen, die eher in den Jobs arbeiten, in denen weder Home Office noch Abstand möglich sind, die eher in beengten Verhältnissen leben und eher keine oder eine unzureichende Krankenversicherung, dafür aber Vorerkrankungen haben. Sie sind eher von Obdachlosigkeit bedroht und ihnen fiele der soziale Aufstieg auch dann noch schwerer, wenn der Rassismus von heute auf morgen verschwände, weil sie oft nur Zugang zum unterfinanzierten öffentlichen Bildungssystem haben.

Mit dem Gini-Koeffizienten lässt sich angeben, wie gleich (=0) oder ungleich (=1) Vermögen verteilt sind.

 

Urpsrüngliche Akkumulation

Auch ohne Grundkurs Marxismus ist leicht erkennbar, wie ungleich ein Wohlstand verteilt ist und bleibt, der auf gestohlenem Land von Sklaven geschaffen wurde:

„Im Jahr 2015 besaßen siebzig Prozent der weißen, aber nur vierzig Prozent der schwarzen Amerikaner ein Haus. Das Vermögen eines durchschnittlichen weißen Haushalts ist sieben Mal so groß wie das eines durchschnittlichen schwarzen Haushalts […] Die Kluft zwischen weißem und schwarzem Wohlstand entsprang der Verfügung über Grund und Boden und entspringt ihr bis jetzt.“

… wie Jedediah Purdy in „Die Welt und wir – Politik im Anthropozän“ schreibt.

Die Legitimation des Raubs war die Maxime, Land könne nur dem gehören, der es bearbeitet. Die Verdrängung und Vernichtung der Ureinwohner wurde mit einer protestantischen Adelung der Arbeit verknüpft, die umso bigotter wird, wenn in der Praxis nur diejenigen Anspruch aufs Land hatten (und haben), die eben nicht arbeiten, sondern den aus bösen Gründen im Englischen sogenannten „real estate“ besitzen. Thomas Jefferson kalkulierte 1819, eine schwarze Frau, die alle zwei Jahre ein Kind in die Sklaverei gebären würde, brächte weit mehr Profit ein als der beste Mann auf dem Feld. Sein Namensvetter Thomas Morus beschrieb vor einem halben Jahrtausend die Schafe als so wild, „dass sie sogar Menschen fressen, Länder, Häuser, Städte verwüsten und entvölkern.“ Er bezog sich auf die ursprüngliche Akkumulation von Weide- und Ackerland durch das entstehende Bürgertum in Großbritannien, das nach wie vor als Stammland des Kapitalismus gilt, der doch eigentlich in der ehemalige Kolonie so richtig zeigte, wie er es beherrscht, Überfluss, Bedürfnisse und Ungleichheit zu erzeugen.

 

Träum weiter

„The American Dream

becomes the whole world‘s nightmare.“

– Front Line Assembly, „Victim of a Criminal“ (1994)

Die ökonomische Spaltung der USA korrespondiert nicht nur mit der politischen, ethnischen und geographischen, sie sind miteinander verbunden. Das Kapital und sein ungebrochenes Wachstum sind in den Händen weniger weißer Familien in wenigen Großstädten konzentriert. Hier werden die Reichen immer schneller immer reicher, während die Armen im Rest des Landes ärmer werden. Diese kapitalistische Grundlogik sortiert Arm und Reich – wie Robert Manduca gegen den Statistikpapst Bill Bishop betont – viel stärker als es die bloße Anziehungskraft der Großstädte tut.

Während sich fast alle US-Amerikaner einig sind darüber, die demokratischen Institutionen, Freiheit als höchstes Gut und ethnische und religiöse Vielfalt machten das Wesen der USA aus, sieht es bei Gottesfurcht und der Überzeugung, der Kapitalismus sei die beste Wirtschaftsordnung, schon anders aus: Beide sind für mehr als zwei Drittel aller Republikaner grundlegend, um wirklich ein US-Amerikaner zu sein, während das weniger als die Hälfte aller Demokraten so sieht.

Den unermüdlichen CNN-Moderatoren war am Abend des 3. November 2020 die Überraschung anzumerken, als Nachwahlbefragungen ergaben, dass für Anhänger der Demokraten die Pandemie und der Rassismus die am dringendsten einer Lösung harrenden Probleme sind, während für republikanische Wähler die Wirtschaft das wichtigste Thema ist. Sie weigern sich beharrlich, aus dem amerikanischen Traum zu erwachen.

 

Die USA lieben es, getäuscht zu werden

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