Ontologie für alle


Der 58. Brief gehört zu den bemerkenswertesten derer, die Seneca seinem Kumpel Lucilius schrieb. Das liegt zum einen an dem ansatzlosen Gedankensprung, den er darin macht, zum anderen an den Themen, über die er da hüpft: Von der Etymologie über die Ontologie zum Freitod im hohen Alter.

Anlass ist die Schwierigkeit, Platons ὄν und οὐσία ins Lateinische zu übertragen, denn mit quod est und essentia ist Seneca nicht ganz zufrieden. Dessen ungeachtet gibt er eine schöne Darstellung der beliebtesten Ontologien und stellt gleich seine eigene daneben.

Diejenige des Aristoteles scheint klassisch genug zu sein, um nicht einmal den Namen ihres Urhebers erwähnen zu müssen, und sie wirkt – da ins christliche Dogma übernommen – bis heute überall auf der Welt nach, wo sich Menschen fragen, was es gibt und wie man es kategorisieren kann:

Aristotelische Ontologie nach Seneca

Seneca modifiziert den klassischen Aufbau mit einer Nonchalance, die sich nur leisten kann, wer noch nichts von der Inquisition ahnt: Die mit einer Seele ausgestatteten Tiere, zu denen auch der Mensch zählt, unterteilt er noch einmal in sterbliche und unsterbliche. Damit will er wohl die Frage beantworten, die er sich selbst stellt („Wohin mit Zentauren?“), und sortiert unausgesprochen auch alle Bewohner des Olymps in die mittleren ontologischen Ränge ein:

Aristotelische Ontologie nach Seneca – von Seneca modifiziert.

Mit ihnen springt die Stoa ganz anders um. Diese Schule, der sich Seneca selbst nicht ganz zuordnet (ihr ihn aber schon), zieht ganz oben eine Ebene ein, und unterscheidet – ähnlich dem Hiersein und Dasein – zunächst mal zwischen wirklich und nicht-wirklich Seiendem:

Stoische Ontologie nach Seneca.

Leider erwähnt Seneca nicht, von welchem Stoiker er diese Ontologie hat, und gibt auch keine Hinweise, ob die Götter zusammen mit den Zentauren in der Reihe des Nichtwirklichen einsortiert sind – und wo die Zeit und die Zahlen hingehören. Denn eigentlich will Seneca Lucilius erklären, was es mit Platons Ontologie auf sich hat, die – im Gegensatz zur nüchternen Seinsinventur des Aristoteles – eine im wahrsten Sinne ideologische Rangordnung hat:

Platonische Ontologie (nach Seneca)

Je näher an der „Wirklichkeit“ etwas ist, desto geringer schätzen es die Platoniker. Mit Heraklit über Heraklit hinausgehend schätzen sie das Sichtbare als das Wandelbare und damit Unsichere und Flüchtige. Darum soll man, rät Seneca, nichts auf weltliche Dinge geben, sondern den Geist dem Ewigen zuwenden, sich also mit den Formen und Ideen, dem höchsten Wesen und den allgemeinen Begriffen (die noch darüber stehen) beschäftigen – und nicht mit Besitz und Ämtern.

 

Ontologie als Schulfach

Die Ontologie gehört wohl zu den altbackensten Disziplinen der gemeinhin geringgeschätzten Metaphysik, was aus zwei Gründen unangemessen ist. Zum einen ist sie eine wichtige Hilfswissenschaft der Informatik geworden, denn wo immer sich ein Programm mit einer Welt auseinandersetzen muss, stellt sich die Frage, wie diese Welt aufgebaut ist. Zum anderen bietet genau diese Frage einen wunderbar zwecklosen und doch reizvollen Einstieg in die Philosophie.

Ihr nachzugehen und dabei wie Seneca „ausgehend vom Einzelnen die Rechnung rückwärts machen“ und in immer allgemeinere und abstraktere Gefilde aufzusteigen, ist eine Aufgabe, die man Grundschülern ebenso auftragen kann wie Seniorinnen, die im Heim keinen Besuch mehr empfangen dürfen. Die doofe Frage, was das denn bringen soll, wenn am Ende kein Job in Googles KI-Entwicklungsteam winkt, hat Seneca schon geahnt:

„‚Was habe ich von diesen Spitzfindigkeiten?‘ fragst du mich so, dann antworte ich: nichts.“

Er nimmt es auch gleich zurück, denn jeder ahnt, was man von der Frage, was es gibt, und von der kritischen Auseinandersetzung mit bisherige Antworten, Modellen, Ontologien (etwa Kants transzendentale Reflexion aus der „Kritik der reinen Vernunft“, wie sie in LW52 als Heftmittenposten dargestellt wurde) hat: Es hält den Geist auf Trab wie ein Spaziergang an der frischen Luft – auch wenn der längst eine Selbstoptimierungsstrategie unter vielen geworden ist.

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