Drôle de guerre


Abermals Žižek, abermals in der NZZ, wo er merklich enttäuscht ist von dieser Corona-Krise. Wer schon vor der Pandemie nicht viel übrig hatte für Händeschütteln und Menschenmassen, musste sich mit den verordneten Infektionsschutzmaßnahmen kaum umstellen.

Es spricht nicht gegen den Ausnahmezustand, wenn der Einsiedler von ihm nichts mitbekommt. Der doofe Spruch, das Leben „ginge weiter“, gilt auch in historischen Situationen, die alle betreffen, aber nur einige beschäftigen.

„Die Pest“ von Albert Camus ist aus Gründen wieder zum Bestseller geworden. Darin werden nicht Nazis mit Bazillen gleichgesetzt, vielmehr gibt die Quarantäne, unter die Oran gestellt wird, die seltsame Atmosphäre in der Drôle de guerre wieder: Es herrscht Krieg, aber man merkt nichts davon. Es ist Krieg ohne Krieg – jedenfalls für die meisten, die allerdings auch nicht mehr in ihren Vorkriegsalltag zurück können.

Wer symptomlos in seinem Zimmer hockt und keine Ärztinnen, Pfleger oder Polizistinnen im Bekanntenkreis hat ( – und keinen Fernseher – ), bekommt nichts von den tatsächlichen Folgen einer Pandemie mit, deren mögliche die Maßnahmen rechtfertigen, die allen Menschen auferlegt werden.

 

Das Leben geht weiter

Auch vom Reaktorunglück in Tschernobyl haben die wenigsten etwas mitbekommen, die Folgen indes betrafen alle. Du hast damals mit deinen Kumpels im Straßengraben gespielt, bis euch der erwachsene Nachbarjunge im ABC-Vollschutz verjagte. Nicht vor der unsichtbaren (und euch unbekannten) Radioaktivität seid ihr in die Kinderzimmer geflohen, sondern vor dem olivgrünen Ameisengesicht.

(Photo: Tomasz_Mikolajczyk, pixabay.com, CC0)

In einem Seminar hattest du mal eine Teilnehmerin, die am 11. September 1995 auf die Welt gekommen ist. Auf die Frage, wie denn eigentlich ihr sechster Geburtstag war, druckste sie herum: Sie und ihre Freundinnen hätten es halt trotz der rätselhaft gedrückten Stimmung der Erwachsenen irgendwie mit Kindergeburtstag versucht. Wenigstens haben sie nicht Jenga gespielt.

Die Finanzkrise 2008 hielt eine wieder andere Gruppe von Spezialisten auf Trab, die Asylkrise 2015 ebenso und sie unterscheidet sich in ihrer Unmerklichkeit für die meisten nicht dadurch, dass in der Folge das Straßenbild bunter wurde. Nur ein Bruchteil der Millionen auf der Flucht schafft es in die Nähe Europas und seiner Kameras, und nur ein Bruchteil dieses Bruchteils kommt lebend hier an. Das Mittelmeer ist weit weg und tief.

Wenn solche historischen Ausnahmesituationen – mit Wilhelm Schapp gesprochen – Höhepunkte der All- und Wirgeschichten sind, ist doch bemerkenswert, wie sehr vermittelt sie, wenn überhaupt, mit den Ichgeschichten der meisten Menschen verwoben sind. Diese Ichgeschichten gehen weiter wie bisher – nur erstmal ohne Pilzgerichte, mit bewaffneter Polizei an jeder Straßenecke oder mit Mundschutz beim Einkaufen – und können so sehr weitergehen, dass die große Krisengeschichte an ihr vorbeigeht.

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