Mal nix schreiben?


Vor zwei Wochen hast du hier über den Schreibdruck geschrieben, den du mit der Vorgabe aufbauen willst, jeden Tag irgendwas – irgendwas!! – zu „bloggen“, wie man das so nennt. Kurz darauf hast du dich grandios darüber getäuscht, dass nach dem Brexit-Referendum alles wie zuvor sein wird – einschließlich der überreizten Politikberichterstattung. Die indes hat nicht nur dieses Mal nicht unberechtigten Wind gemacht. Auch wenn selbst die eifrigsten Cassandren vom Erfolg der Brexit-Kampagne ähnlich überrascht gewesen sein dürften wie deren inzwischen allesamt abgetretenen Protagonisten: Dein elaborierter Irrtum ist wegen der damit verbundenen Medienschelte besonders peinlich.

Denn auch in Bezug auf die österreichischen Präsidentschaftswahlen hat sich das Blatt noch einmal zugunsten des Alarmismus gewandelt. Die Rechtspopulisten der FPÖ haben erfolgreich für eine Wahlwiederholung gesorgt. Nun besteht gerechter Zweifel, ob die dortigen „Europaskeptiker“ die richtige Lehre aus dem Brexit und seinem Nachspiel gezogen haben: Dass Rechtspopulisten einen Riesenmist anrichten und sich direkt danach aus der Verantwortung ziehen.

Von Anfang an warst du skeptisch, ob sowas wie Philosophie in Blogform möglich wäre. Mit „Schwein und Zeit“ wolltest du nicht den Gegenbeweis führen, sondern die Probe aufs Exempel machen. Das Ergebnis war solala: Jahre gingen ins Land, ohne dass du den spärlichen ersten Überlegungen zu Ontologie und Metaphysik mehr hättest folgen lassen. Der Schreibdruck war zu gering – einerseits.

Andererseits erinnert dein Brexit-Irrtum daran, was in der Philosophie noch mehr als in der Politik gilt: Wenn ein schnelles Urteil gefällt werden muss, soll man sich noch mehr Zeit lassen als ohnehin. Was für die Philosophie im Besonderen gilt, gilt für alle anderen Geistes- und Sozialwissenschaften: Sie können keine Tagesform annehmen, das ist ihren Akteuren vorbehalten. Ein Wolfgang Reinhard kann im Radio Auskunft zur Situation in Mali oder Haiti geben, aber so richtig in seinem Element ist er, wenn er die 1648-seitige Globalgeschichte der europäischen Expansion von 1415 bis 2015 vorlegt. Die hat er bestimmt nicht vorher gebloggt, die kann man gar nicht bloggen, allen erzählerischen Experimenten gerade der Literaten zum Trotz, die wegen ihres experimentellen und nicht etwa wegen ihres gelungenen Charakters ein wenig der knapp bemessenen Aufmerksamkeit erhalten (und kurioserweise dann doch immer als Buch erscheinen).

Das heißt nicht, Urteilen und Erzählen in Blogform wäre unmöglich – es ist dann nur ein Urteilen und Erzählen von ganz neuer Art. Sie zu beschreiben ist Aufgabe der Zukünftigen. Zu ihr gehören aber wohl die Redundanzen und Irrtümer, die beim bisherigen, stets mehr oder weniger gut abgehangenen Urteilen und Erzählen ausgeräumt wurden, ehe die Chose der Öffentlichkeit vorgestellt wurde.

Also was? Weiter Schlamm sieben, um Goldklumpen zu finden, aber genauer auf den Boden achten und nie glauben, mit einem glücklichen Griff reich werden zu können.

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