Logos und Physis


Bei deinen täglichen zweieinhalb Seiten bist du inzwischen beim Nachwort zur zweiten Auflage des Kapitals angekommen. Hier lässt Marx – in ähnlich narzisstischer Manier wie Schopenhauer es in den Vorworten der diversen Auflagen von „Die Welt als Wille und Vorstellung“ macht – diverse Rezensionen seines Werks Revue passieren. Er kommt aber auch auf die berühmte Wendung zu sprechen, wonach er die Hegelsche Dialektik vom Brägen auf die Quanten gewuchtet hat:

„Für Hegel ist der Denkprozeß […] der Demiurg des Wirklichen, das nur seine äußere Erscheinung bildet. Bei mir ist umgekehrt das Ideelle nichts anderes als das im Menschenkopf umgesetzte und übersetzte Materielle.“ (MEW23, S. 27)

Man könnte sagen, das Verhältnis zwischen Idee und Materie, gesellschaftlichem Überbau und Produktionsverhältnissen, Vorstellung und Wirklichkeit, Kultur und Natur, Gedanke und Tat, allgemeiner zwischen λόγος und φύσις ist ein sehr alter (nicht der älteste) Streitpunkt der Philosophie. Im auch politisch gemeinten Streit zwischen Idealismus und Materialismus ist er besonders deutlich geworden, was ihm nicht gut getan hat. Denn in Wahrheit ist auch dieses Verhältnis wie alles andere kompliziert und womöglich gar dialektisch, weshalb es mit „mind over matter“ oder „Das Sein bestimmt das Bewusstsein“ nicht getan ist.

 

Dialektik von λόγος und φύσις.

Dialektik von λόγος und φύσις.

Ohne Zweifel bringt die φύσις den λόγος hervor, in dem diese Herkunft aufgehoben ist und der sich ihr darum erkennend zuwendet. Die φύσις setzt dem λόγος Grenzen, die hernach in seinem Versuch, sie zu überwinden, aufgehoben werden. In alldem wird stets das eine im anderen und durch es aufgehoben.

 

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