Mythen, Politik und Terror (II)


Hast du – wie gestern geschrieben – in „Heimlichkeit und Fremde“ den Mythos in der Politik noch als xenophobe und damit komplexitätsreduzierende Erzählung begriffen, lässt sich der politische Mythos natürlich auch im Islamismus finden. Der hat sehr viel mit seinem rechtsradikalen europäischen Gegenstück gemeinsam: Beide sind irrational und stolz darauf, eine fremden-, frauen-, schwulen- und geistfeindliche Schwarzweiß-Denke, die in eine in Zeit und Raum idealisierte Vergangenheit zurück will, die es so nie gegeben hat, und dafür gegen einen Feind kämpft, den es so nicht gibt und gegen den alles erlaubt ist.

 

Der islamistische Mythos

Vor über einem Jahr hat sich Yassin Musharbash in der ZEIT mit dem immer neuen Versuch beschäftigt, der „Erzählung“ des islamistischen Terrors und damit der (Selbst-)Radikalisierung von Attentätern ein „Counter-Narrative“ entgegenzusetzen. Diese Strategie sei zum Scheitern verurteilt, weil der Islamismus bereits eine Gegenerzählung ist – und zwar eine zu derjenigen der westlichen, säkularen, demokratischen und kapitalistischen Gesellschaften.

Nach jedem Anschlag stellt sich die Frage, wie weitere Anschläge zu verhindern seien und die nutzlosesten Vorschläge werden am lautesten ventiliert. So auch „nach Nizza“. Frankreich ist seit Monaten im Ausnahmezustand, hat ein umfangreiches Programm zur Vorratsdatenspeicherung und „präventiven Festnahme“, dennoch können Anschläge wie am Freitag nicht mit sicherheitspolitischer Megalomanie verhindert werden.

Es ist eine von Politikern tunlichst vermiedene Binse, dass man einen Täter, der entschlossen ist zu sterben, zu Lebzeiten nicht abschrecken kann. In der Trauer und Wut nach dem grausamen Anschlag in Nizza ging dir durch den Kopf, man müsse an all die todessüchtigen Verrückten zumindest mal ein Zeichen richten: Osama bin Laden ist kurz nach seiner Erschießung in einem muslimischen Ritus im Indischen Ozean bestattet worden; bedenkt man den Furor, in dem die USA ihn seit dem 11. September 2001 gejagt haben, ist ein derartig pietätvoller Umgang mit dem erlegten Hauptfeind erstaunlich.

Auch nach der Überwältigung von islamistischen Attentätern in westlichen Ländern ist es wohl nur einem besonders gründlichen oder (verständlicherweise) verbitterten Rechtsmediziner zu verdanken, wenn der Leichnam nicht – wie es sich im Islam gehört – binnen 24 Stunden bestattet wird. „Warum erweisen wir selbst im Tod noch denen so viel Respekt, die uns möglichst brutal umbringen wollten?“

Weil das Ausdruck „eurer“ zivilisatorischen Überlegenheit ist: „Ihr“ habt Grausamkeit gegen Feinde ebenso geächtet wie die Schändung von Leichen und religiösen Orten. Und dennoch hast du dir insgeheim die „Isebelisierung“ des Attentäters von Nizza gewünscht: Man möge seine sterblichen Überreste an Schweine verfüttern, aus denen dann Wurst gemacht wird, die an Hunde verfüttert wird. (Man sage also nicht, du hättest kein Verständnis, wenn Leute in Trauer und Wut der Barbarei anheimfallen…)

Weniger barbarisch, aber genauso wirkungslos ist die Strategie der Israelis, die Elternhäuser von palästinensischen Attentätern zu zerstören. Das hält diese auch von nichts ab und trägt nur dazu bei, dass die Leute nichts als Hass an die nächste Generation weitergeben können. Die Strategie der Israelis wird auch durch das islamistische Narrativ wirkungslos gemacht: Organisationen wie Hesbollah und Hamas sind die in Elendsgebieten unschlagbare Mischung aus Sozialversicherung und Terrorakademie. Sie versprechen den Attentätern, sich um deren Familien zu kümmern, und tun das auch tatsächlich: Die PLO unterhält seit 1967 einen Märtyrerfonds, aus dem auch die Hinterbliebenen von Selbstmordattentätern finanziell unterstützt werden.

Ergänzt wird diese Praxis um das Mythem vom Kampfe Davids gegen Goliaths, freilich unter den umgekehrten Vorzeichen, das nun der ausgemergelte Philister mit der Zwille gegen den riesenhaften König Israels im undurchdringlichen Schuppenpanzer antritt.

 

Kampf der Erzählungen

Man kann dieses Mythem auch anders herum lesen und an das Bild eines palästinensischen Jungen, der Steine gegen Merkava-Panzer schleudert, eine Landkarte des Nahen Ostens anschließen. An die einzige Seite, an der Israel nicht von feindlichen Staaten umgeben ist, grenzt das Mittelmeer. Zudem ist die Möglichkeit, ausgelöscht zu werden, für das jüdische Volk kein Mythos, sondern eine in praktisch allen Familien präsente Erfahrung.

Antisemiten waren sehr erfolgreich darin, diese Erzählung gegen die andere zu delegitimieren, indem sie den Mythos vom verschwörerischen Judentum in die Welt gesetzt haben. Auf ihm beruhen alle Leugnungen und Relativierungen des Holocaust wie des Existenzrechts Israels. Auch diesen Mythos teilen nicht nur Islamisten und Rechtsradikale; der Mythos einer Weltverschwörung hat – ob nun offen rassistisch oder etwa als Kapitalismuskritik maskiert – allen anderen politischen Erzählungen anscheinend den Rang abgelaufen.

Der Eindruck ist falsch, drängt sich in diesen Tagen aber auf: Die „europäische Idee“ ist dermaßen zur Sparpolitik verkommen, dass die Briten sich aus dem Staub machen und die Türkei gerade die ersten Jahre nach Hitlers Machtergreifung nachspielt – nur mit weniger Uniformen und mehr Islamismus. Und dann ist da Nizza, seit gestern Abend auch Würzburg. NRWs Innenminister Jäger prägte vor gut zwei Wochen den im wahrsten Sinne flotten Begriff der „Turboradikalisierung“, der auch bei den beiden jüngsten islamistischen Anschlägen Anwendung findet.

 

Die europäische Erzählung scheint außerstande zu verhindern, dass Menschen aus ihr ausbrechen und sie blutrünstig zu widerlegen versuchen. Dem gehst du aber erst morgen nach. Der Tag war lang, die Nachrichten waren schlecht…

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