Alles ist wahr / falsch


Alles ist wahr. Nicht nur die einfachen Sätze wie „1 plus 1 ist 2“, „Die Welt ist rund.“ und „Deutschland liegt in Europa.“… Nein, auch Sätze wie „Der Westen unterdrückt die islamische Welt.“ können als „irgendwie“ wahr durchgehen. Denn du überlegst spontan, wer so etwas sagen könnte und warum. Schnell findest du da jemanden; du kannst dir jemanden vorstellen, für den der Satz eine absolute Wahrheit darstellt, ebenso wie es für dich absolut wahr ist, dass gilt: „Ostfriesland ist der schönste Ort der Welt.“
Jeder und alles kann irgendwie verstanden werden, weil ihr für jeden und alles Gründe findet. Manchmal sagt ihr dazu, es sei halt seine persönliche Meinung oder sein Standpunkt, tatsächlich aber geht ihr davon aus, dass alles wahr ist. Jeder hat seine Wahrheit und seine Gründe. Man muss sie nicht teilen, man kann sich darüber streiten und am Ende geht jeder wieder mit seiner Wahrheit nach Hause. Dies ist die postmoderne Sicht und sie ist langweilig.
Sie ist auch voller Furcht, denn Grund- und Sinnlosigkeit gibt es in ihr nicht, kann es gar nicht geben, auch wenn die postmoderne Literatur und Kunst auf nichts anderes zu zielen scheint als das. Denn nichts kann einfach so wahr sein, ohne Grund, und die tiefe postmoderne Überzeugung, die davon ausgeht, wäre davon so erschüttert wie vom Ausbleiben des Sonnenaufgangs am nächsten Tag. Aus der Furcht vor der Möglichkeit der Grundlosigkeit sucht und findet der Postmoderne überall Gründe: Du wirst von einem Mann verfolgt. Was will er? Denkt er, du hättest Geld, und er will dich ausrauben? Nun, da wird seine Wahrheit eine Erschütterung erleben, sobald er dir das Portemonnaie abnimmt.
Alles Ungewöhnliche erschreckt, weil seine Gründe noch nicht erraten sind, und bis dahin wird die Angst vor der Grundlosigkeit von der Furcht vor Böswilligkeit verdeckt. So regieren in der Postmoderne entweder Langeweile oder Angst.

Alles ist falsch. Die Angst ist durchaus berechtigt, denn die wichtigsten Dinge sind tatsächlich grundlos. Leben, Liebe, Tod, die Welt selbst. All das hat keine Wahrheit, braucht auch keine, und ist unergründbar. Das ist euch unerträglich und so pumpt ihr Erklärungen ins Nichts hinein.
Das Leben – weil gefickt wird? Quatsch. Je mehr Erklärungen kommen, desto deutlicher wird es, dass das Leben ein Zufall war und ist. Ein Zufall hat keinen Grund, sonst wäre er eine Handlung. Wer die Grundlosigkeit nicht erträgt, geht genau diesen Weg und nimmt das grundlose Leben als Beweis Gottes.
Warum würdest du einen Menschen lieben? Arterhaltung? Was für eine lächerliche Feigheit vor dem Grund sich in solchen „Erklärungen“ offenbart! Wenn es nur darum geht, könntest du irgendwen lieben, es geht aber nur um diesen einen Menschen. Was hat dieser Mensch an sich, dass dich so bindet, fasziniert und begeistert? Noch erschütternder: Was hast du an dir, dass diesen Menschen so bindet, fasziniert und begeistert? Auch für Liebe ist kein Grund zu finden.
Ärzte schreiben eine Todesursache in den Totenschein und scheinbar beantwortet dies das Warum dieses Todes. Tatsächlich aber wird das Sterben damit erklärt, der biologische Vorgang. Der Tod ist genauso grundlos wie das Leben.
Auf die Welt geblickt, wird es nicht besser. Leben, Liebe, Tod spielen sich darin grundlos ab und die Welt selbst ist ebenso grundlos. Aus Zufall entstanden wie das Leben in ihr, wird sie sich entwickeln und vergehen wie das Leben in ihr. Das passiert. Und wenn ein Kind fragt, warum, dann bleibt nur die Flucht in die Tautologie, in eine leere Wahrheit. „Es passiert, weil es passiert.“

Ist die Furcht vor der Grundlosigkeit wirklich „durchaus berechtigt“? Nein, denn die Welt geschieht. Grundlos bist du geboren, grundlos liebst du und grundlos wirst du vergehen.
Der gebürtige Kölner Marc Hieronimus schreibt im kommenden Lichtwolf Nr. 32 („Essen & Trinken“) kluge Dinge über Essen & Glück. Der von ihm darin u.a. erklärte Grundsatz der nordrhein-westfälischen Stoa bringt auch die Grundlosigkeit der Welt bemerkenswert auf den Punkt: „Et is wie et is, et kütt wie et kütt, et hätt noch immer jotjejange.“

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