Fun with statistics


Mit Blick auf das (nicht nur) heideggerianische Geschwurbel der Eigentlichkeit in der jungen Bundesrepublik warnte Adorno: „Auch wer den Jargon verabscheut, ist nicht sicher vor Ansteckung; desto mehr Grund zur Angst vor ihm.“
Dies lässt sich auf so ziemlich jede Denke und Spreche anwenden, die mit Verachtung gestraft werden kann und/oder muss. Diese ist ein starkes Gefühl und es zeigt sich jedes Mal, dass euch die Verachtung dem Ziel dieses Gefühls nahebringt, obschon der Inhalt dieses Gefühls alles, nur nicht den Wunsch nach Annäherung enthält.
In den frühen Jahren der Zeitschrift trotz Philosophie war die Verachtung alles Ökonomischen groß; im 21. Jahrhundert an einem Projekt festzuhalten, das Zeit und Geld nur verbraucht – und zwar notwendig weil willkürlich -, war (und ist) ein Widersinn, der emotional motiviert und/oder pathologisch sein muss. Mit solchem Zeitentrotz wuchs die Verachtung ebenso wie der Stolz, der für dich verstellte, wie tief du dich ins Verachtete verstrickt und damit infiziert hast.
Heute bist du der feuchte Traum jedes FDP-Bimbos: Ein Mensch als Unternehmen und sonst nichts. Befreit von wirtschaftsfeindlichen Unpässlichkeiten wie Krankheit, Urlaub, Familie und den erratischen Irrationalismen, die früher einmal (bestimmt von den 68ern!) als „menschliches Wesen“ verklärt wurden.
Du funktionierst (in deinem Bereich) und hebst zum Nachweis der dafür nötigen Aufwendungen jeden Kassenbon auf. Am Monatsanfang, gleich nach der Umsatzsteuervoranmeldung, gibst du in eine Tabelle ein, wie viel du im Vormonat für was ausgegeben hast. (Du bist weder enttäuscht noch überrascht, dass von der Leyen bei der „Neuberechnung“ der Hartz-IV-Sätze das umfangreiche Datenmaterial ausgeschlagen hat, das sich in deiner Calc-Tabelle „lebenshaltungskosten.ods“ angesammelt hat. Es ging hier wie auch sonst um den bloßen Anschein von Sachgerechtigkeit. Die im ersten Grad buchhalterisch abgebildete Wirklichkeit im Singular ist politisch nicht opportun. Dies zum Glück: Denn würdest du hier deine absoluten Zahlen offenlegen, brächten sie die Schwarzgelben auf die Idee, das Prekariat endgültig bis aufs Blut zu reizen.)

Dermaßen durchgebucht und belegt kannst dir also jederzeit schicke Diagramme rauslassen, die deinem Leben den Anschein von Kontrolliertheit und Übersicht verleihen, wie zum Beispiel dieses, das deinen Tabakverbrauch seit 2009 zeigt:

Statistik deines Tabakverbrauchs seit 2009.

Statistik deines Tabakverbrauchs seit 2009.

Im gesamten Zeitraum seit 2008, für den gesicherte Daten vorliegen, hast du monatlich im Schnitt 554,4 Gramm Tabak verbraucht (ein Pfund!); der Verbrauch ist tendentiell sinkend, es fallen aber die gelegentlichen Spitzen auf, die zweifelsohne mit dem Lichtwolf zusammenhängen.
Der Anstieg im Vorfeld der Ausgabe Nr. 26 ist mit der für das Heft betriebenen (unerquicklichen) Anzeigenakquise zu erklären. Ansonsten steigt dein Tabakkonsum immer dann an, wenn ein neuer Lichtwolf in die heiße Phase gerät. Sobald das neue Heft veröffentlicht ist, sinkt der Tabakkonsum wieder.

Wärest du nun Thilo Sarrazin, gäbe es für dich nur einen vernünftigen Schluss aus diesen Daten: Man muss einfach nur genug rauchen, schon erscheint eine neue Ausgabe der Zeitschrift trotz Philosophie.

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