Die ewige Kartoffel


Eine ausführliche Würdigung wird die Kartoffel – das Beste, was gesamthistorisch je den Atlantik überquert hat – in der Winterausgabe des Lichtwolf erfahren, wenn kurz vor Weihnachten das Heft zum Titelthema „Essen & Trinken“ kommt. Doch da in der „Zeitschrift trotz Philosophie“ ein striktes, nicht zuletzt von dir gehütetes Zeichenlimit mit nachgeschaltetem „cut-through-the-bullshit-and-drive“-Lektorat regiert, und Farbphotos im Innenteil auf unabsehbare Zeit unbezahlbar sein werden, wirst du ein Detail des lobenswerten Nachtschattengewächses hier ausbreiten müssen.

Zeit für die Kartoffelernte.

Zeit für die Kartoffelernte.

Es handelt sich dabei um die sagenhafte Zähigkeit der Kartoffel, die wohl – obacht, Wortwitz ahead – der vielen darin enthaltenen Stärke zuzuschreiben ist. Es ist kein Geheimnis – und wenn, dann ein schlecht gehütetes -, dass es Jeff Goldblum als schwarz gekleideter, viriler Chaostheoretiker in „Jurassic Park“ war, durch dessen Gravitationsdrall du in die philosophische Umlaufbahn geraten bist.
Sein Kommentar zur spontanen Geschlechtsumwandlung der nur als Männchen aus dem Baumharz gezogenen Dinos könnte dem Film von 1995 als Motto voranstehen und erweist sich hier draußen immer wieder als zutreffender als alles, was du seit der Zwischenprüfung in Hörsälen vernommen hast: Das Leben findet einen Weg.
Und zwar hast du im Schuppen eine Holzkiste wiedergefunden, in der du die Überreste der Kartoffelernte vom Vorjahr aufgehoben hast. Es kommt häufig vor, dass die Amseln zwischen den Kartoffeln nach Würmern wühlen und dabei einen Erdapfel freilegen. Durch die Sonneneinstrahlung bildet sich in der Kartoffelschale das giftige Solanin (wieder ein Fall des coolen Konzepts der Phototoxizität wie beim Schierling und Bärenklau), sie verfärbt sich grün und wird für Mensch und Tier (angeblich sogar für Schweine!) ungenießbar.
Manche Kartoffelbauern meinen, die grünen Kartoffeln würden sich besonders gut als Saatkartoffeln für das nächste Jahr eignen, weil sie bereits abgehärtet seien. Um den Versuch zu wagen, hattest du also die Grünlinge letztes Jahr nicht auf den Kompost geschmissen.
Das hätte ohnehin nur dazu geführt, dass sie noch energischer aus den Beeten schießen, die in diesem Jahr gar nicht für die Kartoffeln gedacht waren. Aus Kartoffelschalen, die dir letztes Jahr etwas zu dick geraten und auf dem Kompost gelandet sind, den du im Frühjahr untergegraben hast, haben sich im Sommer überall neue Kartoffelbüsche ihren Weg durch eine Spatentiefe Erdreich gebahnt, um zwischen Möhren, Zwiebeln und Salat aufzutauchen.
Als wäre dies nicht schon schlagender Beweis für die Zähigkeit der Kartoffel als Repräsentantin des Lebens, hast du nun also die Holzkiste mit den grünen Kartoffeln vom Vorjahr im Schuppen gefunden:

Grüne Kartoffeln nach einem Jahr im dunklen Schuppen.

Grüne Kartoffeln nach einem Jahr im dunklen Schuppen.

Diese Kartoffeln lagen ein Jahr in einem Holzschuppen, der im Sommer sehr heiß und im Winter sehr kalt wird. Es fällt nur schummriges Licht hinein durch ein kleines Plexiglasfensterchen und die Holzkiste war durchgehend mit einem Leinentuch bedeckt. Es befanden sich darin bestenfalls Krümel von Erdreich und seit du im Frühjahr das Schuppendach neu gedeckt hast, ist kaum noch Feuchtigkeit hineingelangt.
Dennoch haben die Kartoffeln gekeimt, aus ihrem eigenen Saft Triebe entwickelt und versuchsweise sogar neue Kartoffelknollen daran gebildet.
Das Leben findet einen Weg – auch ohne Sonne, Wasser und Erde.

Hinterlasse eine Antwort