Providentia Moriturorum (2)


Du warst mit dem Auto unterwegs. Mitten auf der Straße saß eine Taube, keineswegs jedoch überfahren und zerfleddert, wie es leider viel zu oft auf den hiesigen Landstraßen zu sehen ist.
Stattdessen saß sie einfach da, mitten auf der Straße, umgeben von einigen Federn, die jedes Mal aufwirbelten, wenn ein Auto in letzter Sekunde dem Tier auswich.
Einmal hast du in Freiburg eine Taube gesehen, deren Schnabel abgebrochen war und an einem Hautfetzen herabbaumelte. Benommen floh sie vor den Spaziergängern nur noch aus Gewohnheit. Ist es die Hilflosigkeit gegenüber dem Dilemma, die einen solchen Anblick so schrecklich und unvergesslich macht?
Diese Taube hier ist wohl mit einem Auto zusammengestoßen, aber dadurch nicht getötet worden. Jetzt musste sie verletzt auf ihren Tod warten. Du bringst es nicht fertig, sie zu überfahren; es nicht zu tun, ist kein bisschen besser.

Am nächsten Tag war die Taube verschwunden, es war auch kein toter Körper zu sehen. Entweder war der schon entsorgt worden oder aber die Taube war tatsächlich nur verdattert, hatte sich berappelt und von selbst die Straße verlassen. Und wieder sehen wir betroffen die Vorhänge geschlossen und alle Fragen offen.
Ende der Parabel auf angewandte Ethik.

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