Wie die Zeit vergeht


Heute das Gartentagebuch wiedergefunden und die drängende Frage beantwortet, die du dir schon seit Wochen stellst: Wann hast du im letzten Herbst die Beete umgegraben? (Umgegraben hast du längst, nur wolltest du jetzt noch ein weiteres Stück Rasenfläche zum Kartoffelacker machen.)
Mann, wie die Zeit vergeht. Vor einem Jahr hast du Überstunden als Kellner abgebummelt, dich auf deine Selbständigkeit schon nicht mehr ganz so euphorisch gefreut und mit Trauni langsam angefreundet. Und heute? Erster Roman ist veröffentlicht (wovon du nichts merkst, weil längst das nächste Buchprojekt in der Mache ist), der Lichtwolf wieder zurück und so unerfolgreich wie je. Und Trauni und du, ihr lebt zusammen wie ein altes Ehepaar.
Du fühlst dich leer und zufrieden. Ja, du trinkst sehr viel. Du rauchst auch sehr viel, bist nervös und hast jegliches Interesse an deinen Mitmenschen verloren. Du bist freundlich, aber nicht aus Freundlichkeit, sondern um Kontakt zu verhindern, ohne grob sein zu müssen. Du bist eine Sackgasse der Evolution. Darum bist du leer und zufrieden. Jeder Tod wühlt ungeheuer auf (!) und der Wunsch, einer möge in Frieden ruhen, zielt wohl darauf ab, dass es manchmal Jahre braucht, bis sich der Fallout gelegt hat und tatsächlich Totenruhe einstellt. Jedes Jahr wird umgegraben, gesäht, geharkt, geerntet und wieder umgegraben. Dahinter steckt kein Ziel, keine langfristige Absicht, es passiert einfach. Die saisonale Gartenarbeit ist das menschliche Gegenstück zum Verhalten der Flora: Treiben, blühen, Früchte bilden, Blätter abwerfen und den Winter überdauern, um im Folgejahr das gleiche zu machen, falls man nicht von Axt, Blitz oder Sturm gefällt wird.
Erwachsensein ist genau dieses Verhärten, dieses Absehen von allen überflüssigen Verausgabungen, diese dumpfe Bescheidenheit, in der das Feierabendbier zum Höhepunkt der Tage geworden ist.

Manchmal staunst du, wie falsch man alles machen und trotzdem ganz zufrieden weiterleben kann. So spricht das Leben, die Welt ist mein: Es probiert eben alles aus, das meiste ist Murks und dann nach einer Runde wieder wie nie gewesen. Aber wie soll es etwas daraus lernen und den Fehler nicht wiederholen, wenn keiner was davon mitkriegt?
Natürlich ist heute der falscheste Tag, um sich über sowas Gedanken zu machen, aber der beste für Gedanken überhaupt. Womöglich ist das der Job, für den Mutter Natur dem Menschen die Gehirne mitgegeben hat: Sie zeichnen auf, wie das Einzelne über kurz oder lang scheitert und das Ganze immer weitergeht.

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