Erste Bilanz des Brotberufs


Du brauchst dich nicht selbst zu loben, denn das machen andere schon zur Genüge: Dafür, dass du in deinem Leben keine Minute lang in Pädagogik unterrichtet wurdest, schlägst du dich wacker.
Die Nachhilfe-Kinderchen wissen deine lockere Art zu schätzen (den Satz des Pythagoras mit Knorkators „Wie weit ist es bis zum Horizont“ erklären und zum Schluss noch ein Kurzreferat über die komischen Sitten der Pythagoräer halten). Außerdem kannst du überall mitreden: Computerspiele, Family Guy und Southpark; nur bei den Themen Hannah Montana und DSDS merkst du, langsam den Kontakt zur Jugend von heute einzubüßen.
Recht gut läuft es auch mit den Schulabbrechern. Neulich war die mit Spannung erwartete erste LehrerDozentenkonferenz, bei der sich herausstellte, dass du viel zu gute Noten gibst. Nuja, dafür verlangst du auch ziemlich viel und erreichst ziemlich wenig. Kant jedenfalls wirst du doch nicht mit denen machen können. Nicht nur peilen die Kinderchen – bis auf wenige Ausnahmen – nicht den Unterschied zwischen langen und kurzen Selbstlauten (Vokalen); in Sozialkunde begreifen sie auch nicht den Sinn von Menschenrechten und warum Gleichbehandlung gut ist. Den chauvinistischen und rassistischen Kommentaren nach hätten sie am liebsten alle Frauen am Herd, alle Obdachlosen eingesperrt, alle Ausländer deportiert und alle Deutschen in Arbeit. Viel vorstellen können sie sich nicht und genau deshalb sind sie felsenfest davon überzeugt, dass die Welt dann eine bessere wäre. Immerhin: Sie haben begriffen, dass ihre Bundesliga ziemlich öde wäre, würde man alle Ausländer rauswerfen und jedem Besserverdienenden das Geld wegnehmen. Und einer der Spezialisten, der vehement die Todesstrafe für Kinderschänder fordert, war ganz still, als du ihm erklärt hast, wie jemand ein Kind überredet, ihn als pädophil darzustellen, um ihn nach dem Gesetz, das er fordert, staatlich töten zu lassen, ehe sich das ganze als abgekartetes Spiel entpuppt. Die Grundrechte sollen sie nun halt auswendig lernen und vielleicht bleibt ja irgendwas davon hängen.
Trotzallem ist zu vermerken, dass dir bislang noch keiner gedroht hat – und rauswerfen (die ultima ratio) musstest du auch noch keinen. Und einmal, am Kopierer, sagt dir eine der Sozialarbeiterinnen, sie sei zufällig am Klassenraum vorbeigekommen, habe gelauscht und fand es so interessant, dass sie gar nicht mehr weitergehen wollte.

Nachtrag am 18.06.10:
Frau Freitag, ihrerseits staatlich examierte Kinder-Dompteuse, hat sich neulich aufgeregt über Lebenskünstler wie mich, die en passant von den Versäumnissen der Bildungspolitik profitieren:
http://fraufreitag.wordpress.com/2010/05/27/die-schule-ist-kein-jobcenter/

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