Die Besten sterben jung?


Heute hast du wieder Nachhilfe gegeben und die fiel heftig aus. Dein Englisch-Schützling ist mitten in der Pubertät; heute hatte er ausnahmsweise mal keine Kopfschmerzen, eher Weltschmerz. Und was für einen. Nach nicht einmal fünf Minuten schmiss er schreiend seinen Füller in die Ecke und sagte gar nichts mehr. Bis auf einsilbige Antworten, dass alles Scheiße sei, er sich selbst hasse, nichts nütze, weil er alles verloren hat und alles verlieren wird und sich nur wünsche, nie geboren worden zu sein.
Wow. Da sitzt du also mit einem 13-jährigen, der sich komplett aufgegeben hat, und musst irgendwas machen. Mit Englisch habt ihr euch erstmal gar nicht mehr beschäftigt.
Du hast ihm die Geschichte von Silen erzählt, der verriet, das beste für den Menschen sei, nie geboren worden zu sein, und das zweitbeste, jung zu sterben. Um herauszukriegen, was genau sein Problem ist: Was würde er ändern, wenn er einen Wunsch frei hätte? Nix. Und wenn er sofort 30 sein und in seiner eigenen Wohnung leben könnte, wo er sein eigener Herr ist? Achselzucken.
Er hat schon recht: Niemand wurde gefragt, ob er auf die Welt kommen will, auf der für jede Sekunde Glück mit einer Stunde Leid gezahlt werden muss. Aber sich deswegen umzubringen hieße, dem Leben recht zu geben, mit dem man nicht einig werden kann (und darf!). Der Selbstmord bestätigt, Sklave einer Welt zu sein, der man scheißegal ist. Crashkurs in Camus. Zum Sterben ist immer noch Zeit – und dann habt ihr plötzlich wieder Englisch machen können, als wäre nichts gewesen. Er hätte einen Blackout gehabt, meinte dein Kindlein. Quatsch, „Blackout“!

Zwischendurch fragtest du eine Kollegin, ob man nicht mal mit den Eltern reden sollte (obwohl die dir eher Teil des Problems zu sein scheinen). Der Junge ist nicht einfach nur bockig und frustriert. Besorgte Zustimmung, vor allem mit Blick auf die derzeitige Medienlage. Stimmt, an Amoklauf hattest du gar nicht gedacht. Doch natürlich geht dem „erweiterten Suizid“ (denn genau das ist es und nichts anderes) die eigene Todesbereitschaft voraus.
Diese „Nachhilfestunde“ liegt dir schwer im Magen. Rundherum feiert die Schweinepresse ihren zynischen Betroffenheitsjournalismus. Allein das, was die widerliche BILD zum Thema „Amoklauf“ veröffentlicht, müsste ausreichen, den Laden für immer dichtzumachen. Eine unfassbare Heuchelei und Blutgier im Verbund mit Dummheit und Voyeurismus. Die übrigen Medien sind nicht besser, feiern den Fund von Ego-Shootern auf dem Rechner des Täters als erlösende Erklärung und freuen sich über den nachlässigen Umgang des Vaters mit seiner Waffensammlung, weil dadurch in einigen Monaten nochmals groß und geil über den Prozessbeginn berichtet werden kann. Die BILD regt sich über Titanics Amokläufer-Formular auf – geschmacklos sei das! – und direkt darunter blinkt der Teaser „Amoklauf von Winningen – Alle Fotos! Alle Infos! Alle Videos!“
Es ist einfach zum Kotzen. Selbst die letzten Bastionen von Gedankenfähigkeit in der Journaille, zum Beispiel DRadio oder NDR Kultur, kriegen bestenfalls einen Halbexperten ans Mikro, der die üblichen Platitüden über Killerspiele, Soft-Air-Guns, Waffengesetzgebung, Psychotherapie und Mobbing vom Stapel lässt – Blödsinn, mit dem die Ratlosigkeit ummäntelt wird.
Es ist kein Philosoph weit und breit zu sehen oder zu hören! Dabei geht es hier nicht um Depressionen oder etwas, was in den Bereich der Psychologie fällt. Wären die Amokläufe an den Schulen tatsächlich „Amokläufe“, dann wären sie ein Fall für die Psychologen. Doch es sind erweiterte Suizide – in die Tat umgesetzte Gedanken. Auf dieser Ebene, und nur hier, kann man ihnen begegnen. Der Täter gelangt grübelnd im Laufe von Monaten und Jahren zu einer Antwort auf die Frage nach Leben und Tod. Und hier muss man ihm begegnen, indem man ihn und seine Gedankengänge ernstnimmt. Das ist gehörige Arbeit und sehr belastend, darum erschöpft sich jetzt wie auch beim nächsten und übernächsten Fall alles in Gedenkgottesdiensten, Fassungslosigkeitsbekundungen, Computerspielkontroversen und Hütihüti. Es reicht nicht, einem 13-jährigen zu sagen, man dürfe sich nicht umbringen und jetzt mach‘ mal deine Aufgaben. Es bringt erst recht nichts, ihm mit Gnade der Geburt und Furcht vor der Hölle zu kommen oder ihn wegen seiner Wut zu tadeln. Jedem Pädagogen wäre das Herz in die Hose gerutscht, wenn er mitgekriegt hätte, wie du einem lebensmüden 13-jährigen eine Sage erzählst, derzufolge es auch gut ist, jung zu sterben. Das hat ihn gewiss nicht gen Glück auf den Weg geschickt; aber es ist ihm anscheinend noch nicht oft passiert, dass er nicht als störrisches Kind behandelt, sondern ernstgenommen wird – ohne „Alles-wird-gut“-Bullshit und tolle Ratschläge wie den, einfach gar nicht zu reagieren, wenn man ihn in der Schule verspottet.

Nächste Woche nimmst du mit ihm den Text von Queens „Who wants to live forever“ und Marilyn Mansons „Fight Song“ durch. Scheißegal, was eigentlich im Lehrplan vorgesehen ist. Besser, der Junge kriegt noch eine Fünf in Englisch, als mit 14 schon tot zu sein.

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