Die Welt in Bildern


Im September 2016 legte Georg Seeßlen in der Jungle World eine denkwürdige Bildanalyse vor. Es ging um ein Photo des damals bloßen Witzkandidaten Donald Trump nebst seiner Familie in der New Yorker Prunkbude. Der Text ist auch in Seeßlens Büchlein „Trump!“ enthalten – hier mit dem Photo selbst, für das sich die Jungle World die Rechte nicht leisten konnte oder wollte, weshalb man zur Anschauung ganz auf Seeßlens Worte oder die Google Bildersuche angewiesen ist.

 

Das politische Photo

(Photo: LoboStudioHamburg, Thomas Ulrich, pixabay.com, CC0)

Mag man darüber streiten, was das spezifisch Künstlerische an der Photographie ist, so besteht doch wohl Einigkeit, dass sie eine Kunstform ist, weil sie in ihren Werken eine ästhetische Haltung zur Welt, wie sie ist, einnimmt – selbst wenn das so unfreiwillig geschieht wie in dem kitschig-vulgären Auftragsbild des Narzissten Trump, der mit seiner puppenhaften Frau und seinem apathischen jüngsten Spross aus seinem goldenen Käfig herausgrinst. Seeßlens Deutung des Bilds macht deutlich, dass die Ästhetisierung des Scheinbar/Faktischen durch die Photographie immer auch – abermals: selbst unfreiwillig – einen politischen Charakter hat.

Wenn man sich im Dezember beispielsweise nicht von Günther Jauch oder Markus Lanz erklären lassen mag, was im abgelaufenen Jahr los war, ist die Galerie des World Press Photo Contest die bessere und intensivere Alternative zum telegenen Jahresrückblick. Aber wer will schon die Welt, wie sie ist, intensiver wahrnehmen als nötig! Jedes Photo ist ein Abgrund, in den man nicht zu lange starren kann, ehe er zurückzugaffen beginnt und an die Scham rührt, „daß einem in der Hölle noch die Luft zum Atmen bleibt“, wie es Adorno formuliert hat.

 

Drei Bilder zur Zeit

Der Guardian hat einen Artikel über Italiens menschenrechtlich „schwierige“ Zusammenarbeit mit der libyschen Küstenwache erschreckend normal bebildert mit einer dreiteiligen Photogalerie, die eine Deutung auf seeßlenschem Niveau entweder verdient oder gar nicht mehr nötig hätte.

Das erste Photo zeigt einen jungen libyschen Marinesoldaten. In seinem Rücken geht die Sonne über sanften Meereswogen auf. In der wahrlich dunklen, wahrlich unteren Bildhälfte kauern afrikanische Flüchtlinge, die zu erschöpft sind, um dagegen aufbegehren zu können, dorthin zurückgebracht zu werden, von wo sie geflohen sind.

Das zweite Photo zeigt eine Rettungsaktion. Der Betrachter schaut den Seenotrettern über die Schultern und erblickt einen nordafrikanischen Flüchtling im Wasser zwischen zwei Schlauchbooten – dem seiner Schlepper und dem der Seenotretter. Der junge Mann blickt angestrengt zu ihnen hoch, hat die rechte Hand schon ausgestreckt, aber mit der linken klammert er sich an das Schlauchboot, mit dem er aufs Meer hinausgefahren war, und von dort, aus diesem überfüllten Boot, kommen die Hände der anderen Flüchtlinge, die ihn dort festhalten, wo sie ihn gerade zu fassen bekommen haben. Mit Argwohn bis Entsetzen starren sie die Besatzung des Rettungsbootes an, von der sie zuvor bereits mit Schwimmwesten ausgestattet worden sind. Sie sollen weder ertrinken noch ans Ziel ihrer Reise gelangen.

Drittes Photo: In einem libyschen Haftzentrum sitzen Dutzende von dergestalt „geretteten“ Flüchtlingen rottenweise und ungeschützt im Wüstensand. Nur die bunten Zivilklamotten unterscheiden sie von den Kriegsgefangenen, die sie ja doch sind. Der Guardian zitiert einen 20-jährigen Gambier, der lieber sterben will, als sich zurück in die rechtsfreien Lager und Sklavenmärkte der nordafrikanischen Küste bringen zu lassen: „Libya is the worst place on earth.“

Aber auch da bleibt ja noch Luft zum Atmen.

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