Schläge ins Gesicht


Wer gern und aufmerksam den Deutschlandfunk hört, wird unweigerlich Ohrenzeuge bundesrepublikanischer Phraseologie. Interessant sind die Konjunkturen des Geredes: In der Mitte der letzten Legislaturperiode war aus dem Bundestag alle naselang zu hören, was alles „nicht zum Nulltarif zu haben“ sei. Im Wahlkampf ging diese Phrase wieder in Deckung.

Das zeitlos-unsägliche „ein Stück weit“ dagegen muss irgendwann vom Regierungsviertel über die Hauptstadtpresse in die gebildeten Stände eingewandert sein und hat dort, da es in diesen sprachlichen Biotopen weder auf natürliche Feinde noch auf die Selbstregulierung traf, die einen autonomen Geist zuvörderst ausmacht, das gute alte Bisschen komplett ausgerottet. Und längst ist ihm eine andere Floskel aus dem Regierungssprech auf den Fersen, der „Schlag ins Gesicht“.

 

Eine Woche Google News

Dem Ngram-Viewer nach hatte diese Floskel Hochkonjunktur in der Weimarer Republik und den ersten Nazi-Jahren, um seit der Wiedervereinigung „ein Stück weit“ zur damaligen Penetranz zurückzufinden. Eine Google-Abteilung weiter fördert die entsprechende News-Suche massenhaft tagesaktuelle Vorkommnisse zu Tage.

Googles NGram Viewer findet nur in Weimar mehr Schläge ins Gesicht als jüngst.

Vor allem Opfer erhalten einen Schlag ins Gesicht, und weil das konkret so ist, wie in jedem Polizeibericht nachzulesen ist, scheint es auch metaphorisch besonders oft der Fall sein zu müssen. Böse Gerüchte über einen 31-jährigen, der tot auf der Werlter Kirmes gefunden wurde, sind laut Neuer Osnabrücker Zeitung „ein Schlag ins Gesicht seiner Angehörigen und aller anderen Menschen, die ihm nahestanden“. Am häufigsten bekommen Opfer rechter Gewalt Schläge ins Gesicht, u.a. durch den Polizeicode „Dönermorde“, das lange Schweigen Zschäpes vor Gericht oder jüngst in Form der Ablehnung eines Entschädigungsfonds für die NSU-Opfer durch CDU und AfD in Thüringen. Ein Vergewaltigungsopfer wird vom Angeklagten vor Gericht verhöhnt – „immer ein Schlag ins Gesicht“, so die Vertreterin der Nebenklage zu RP Online. Auch Urteile sind oft ein „Schlag ins Gesicht der Opfer“, so in einem Wittener Missbrauchsfall, den Jürgen Augstein-Peschel kommentiert. Überhaupt scheint Justizia im Boxclub zu sein: Drohende Fahrverbote im dieselgeplagten Stuttgart sind für den Linken Herbert Behrens ein „Schlag ins Gesicht der Bürger“. Das Angelverbot in Schutzgebieten der Ost- und Nordsee ist laut Blinker-Magazin für alle Angler ein Schlag ins Gesicht. Einem Leserbrief an die Braunschweiger Zeitung nach erhielten auch Flohmarkt-Fans einen Schlag ins Gesicht, und zwar vom Lüneburger Oberverwaltungsgericht, das sonntägliche Flohmärkte untersagt hat.

Und wenn die Justiz untätig bleibt, ist das auch wieder ein Schlag ins Gesicht, zum Beispiel der doch eigentlich gesichtslosen Bürgerrechte, denen Konstantin von Notz, Vizechef der Grünen-Bundestagsfraktion, eine verpasst sieht, weil die Bundesanwaltschaft im NSA-Skandal die Ermittlungen eingestellt hat. Keine neue Windanlagen auf dem Gschasikopf erlaubt? „Das ist ein Schlag ins Gesicht des Klimaschutzes und der Ziele des Paris-Abkommens“, findet Elzachs Bürgermeister Roland Tibi laut Badischer Zeitung. Von Sinn und Physis emanzipiert hat sich die Phrase auch in der Schweiz, wo die Nichteinstellung zusätzlicher Grenzbeamter „in Schlag ins Gesicht der Grenzkantone“ (Pierre Maudet) ist. Selbst Chronometer kriegen hier was auf die Zwölf: Die Smartwatch war laut NZZ „für die klassischen Uhrenmarken ein echter Schlag ins Gesicht“.

 

„In die Fresse“

Da man also weder Opfer sein noch ein Antlitz haben muss, kann alles und jeder metaphorisch aufs Maul kriegen, vor allem im Schrumpfjargon des tagespolitischen Diskurses: Ein Schlag ins Gesicht der CDU sind die drei Direktmandate der AfD in Sachsen, sagt der Dresdner Politologe Hans Vorländer dem Handelsblatt. Das Ergebnis der Bundestagswahl überhaupt ist laut dem Luxemburger Abgeordneten von „déi Lénk“, Marc Baum, ein Schlag ins Gesicht von CDU und SPD, „und ein heftiger dazu”, wie im Tageblatt zu lesen ist. Die Meinerzhagener SPD-Größe Rolf Puschkarsky sieht gar der ganzen Demokratie ins Gesicht geschlagen, was laut dem FDP-Vorsitzenden Christian Lindner dagegen jede nicht abgegebene Wahlstimme besorgt. Aber auch die AfD kriegt „in die Fresse“ (A. Nahles), zum Beispiel von Mario Mieruch, dessen Austritt aus der Fraktion im Bundestag laut BILD „ein Schlag ins Gesicht für die Fraktionschefs Alice Weidel und Alexander Gauland“ ist.

Apropos: Enkel kriegen einen Schlag ins Gesicht verpasst, wenn sie im Staatsarchiv Ludwigsburg herausfinden, dass ihr Opa ein Nazi war. Die neue Gebührenordnung ist nicht nur ein Schlag ins Gesicht von freiberuflich tätigen Hebammen, sondern gar ein „Frontalangriff auf die Geburtshilfe“, kommentiert das Oberbayerische Volksblatt. Das verlängerte Bleiberecht für die Bewohner eines besetzten Hauses in Halle (Saale) ist „ein Schlag ins Gesicht der genervten Anwohner“, so Andreas Scholtyssek von der dortigen CDU, ist in der Mitteldeutsche Zeitung zu lesen. Der Vorwurf, sie würden Sanierungsmaßnahmen rund um die Kirche blockieren, sei ein Schlag ins Gesicht für alle Kuchenheimer, findet dagegen Lars Kaboth von der gemeinten Bürgerinitiative laut Wochenspiegel.

Zurückweisung, Enttäuschung und Hiobsbotschaften sind unangenehm und reichen immer für den Schlag ins Gesicht: Werkschließung und Entlassungen sind ein Schlag ins Gesicht der Weimarer Coca-Cola-Beschäftigten. Luigi Spangenberg aus Ingolstadt leidet an Epilepsie, Reizdarm und Appetitlosigkeit; dem Donaukurier zufolge ist die Weigerung der Krankenkasse, seinen medizinischen Cannabisgebrauch zu bezahlen, für ihn ein Schlag ins Gesicht. Rebecca Erken erhielt mit 32 die Diagnose Demenz – laut ZEIT auch ein Schlag ins Gesicht.

Längst wird überall und immerzu ins Gesicht geschlagen: Für Helene Fischer ist es laut BUNTE ein Schlag ins Gesicht, dass einer Umfrage zufolge 26,1 Prozent der Menschen ihre Mucke nicht auf der Arbeit hören wollen. Für Menowin Fröhlich war „DSDS“ laut Focus ein Schlag ins Gesicht und für Fans der Serie „Pretty Little Liars“ war es laut VIVA.tv deren letzte Folge. Für Hannover wiederum ist es Conrad von Meding zufolge ein Schlag ins Gesicht, kein Spielort der Fußball-EM 2024 zu sein, falls das Turnier überhaupt in Deutschland stattfindet. Der „TSG Gau-Bickelheim reagiert höchst pikiert“ auf die „Gebietsspruchkammervorsitzende Sandra Gitzel“, schreibt die Allgemeine Zeitung nach einem Spielabbruch in der Fußball-A-Klasse und null Punkten für beide Mannschaften: „Das Urteil ist an Lächerlichkeit nicht zu überbieten. Ein Schlag ins Gesicht. Wir behalten uns die Berufung offen“, schimpft Abteilungsleiter Andreas Brunk. Und irgendwann sind konkrete und metaphorische Gewalt in der Phrasensoße gar nicht mehr zu unterscheiden, etwa wenn für den Fußballer Marcel Kaffenberger seine Verletzung „zunächst ein Schlag ins Gesicht“ war.

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