Lästern


Eine Grundregel deiner Sozialhygiene: Leute, die sich über andere das Maul zerreißen, sind bei dir nicht wohlgelitten. Lästern ist keine Unart, sondern zum Ausdruck gekommener niederer Charakter. Denn was ist schon von einem Menschen zu halten, der nach vorne freundlich tut und nach hinten die Nase rümpft?
Wenn du dir anhören musst, wie jemand verbal über einen abwesenden Dritten herfällt, fragst du dich unwillkürlich, wie viel Zeit nach der freundlichen Verabschiedung vergehen mag, ehe er sich beim Nächsten genauso über dich auslässt.
Weil dir weniger das Lästern und mehr der Lästernde unsympathisch ist (nix mit „hate the message, not the messenger“…), gibt es nicht viele davon in deinem Bekanntenkreis. Umgekehrt gibst du dir alle Mühe, nie den Punkt im Small Talk zu holen, der mit Lästern so leicht zu erzielen ist. Da wirkt natürlich auch die wittgensteineske mütterliche Maxime nach: Von wem du nichts Nettes sagen kannst, von dem sollst du schweigen. (Entsprechend war und ist die damnatio memoriae der einzig gängige Ausdruck von persönlichem Groll in der Familie.)

Stellt sich also die Frage: Darf man lästern?
An ihr zeigt sich sehr schön die ethische Unbestimmtheit von „dürfen“. Natürlich darf man pupsen. Man sollte es halt nicht beim Essen oder Vorstellungsgespräch machen, weil es hier unhöflich ist (dies wiederum, weil es den anderen den Appetit verderben könnte) und weil es da (beim Karrieretermin) die eigenen Job-Chancen schmälern könnte.
Womöglich darf man aus den gleichen Gründen (Höflichkeit, eigener Vorteil) auch nicht töten. Die besseren Gründe und ein Entscheidungskriterium bei einer „Darf man…“-Frage liefert aber die Kontrafaktizität, der Grundstein einer auf Einsicht durch Schuld ausgerichteten Erziehung: Was wäre, wenn das jeder machen würde?

Im Falle des Mordes ist leicht einsehbar, dass es nichts mit Mondlandung, Menschenrechten und McDonald’s geworden wäre, hätte von Anfang an jeder jeden totgeschlagen, der ihm nicht passt. Deshalb hat sich auch jede Religion, die etwas auf sich hält, zuvörderst dieser Frage angenommen.
Was wäre, wenn jeder herumpupen würde, wie der Darmwind gerade weht? Keine schöne Vorstellung zwar, aber doch nicht so ungemütlich wie der hobbessche Naturzustand; Kleinkinder im Übrigen, die ja noch helle Freude an ihren Körperfunktionen haben, hätten in einer Pups-Gesellschaft viel zu lachen. Womöglich aber wäre der ubiquitäre Furz auch nicht mehr so witzig.

Bleibt das Lästern. Es beansprucht die Phantasie nicht zu sehr, sich eine Welt vorzustellen, in der sogar Liebespartner vor Dritten über die Schwächen und Fehler des anderen herziehen; ein Glück für alle Beteiligten, wenn zumindest noch Spuren der Zuneigung in der Verurteilung in Abwesenheit zu erkennen sind.
Diejenigen, denen etwas vorgelästert wird,
(a) geht es nichts an
(b) können selten weiterhelfen
(c) müssen damit rechnen, selbst zum Objekt von Geläster zu werden.
Fragt sich also, wieso dennoch gelästert wird und wohl auch gelästert würde, wäre es religiös geächtet oder gesetzlich verboten. Die Leninsche Lupe („Wem nützt es?“) bleibt stumpf, denn niemand hat etwas vom Lästern. Social Grooming ließe sich auch bloß mit Wetter und Zipperlein bestreiten; es ist dafür angeblich sogar unerheblich, ob das Gerede irgendeinen Sinn macht.
Ein natürliches Läster-Bedürfnis herbeizuspekulieren – einen verbalen Tötungstrieb – wäre die billigste Lösung und hätte nichts mit Ethik zu tun.

In ethischen Fragen lohnt es sich manchmal, auch die andere Kontrafaktizität zu bemühen. Stelle dir also vor, wie eine Welt wäre, in der es unmöglich ist zu lästern. Auch hier musst du deine Vorstellungskraft nicht allzu sehr bemühen. Denn deine Welt ist ja eine solche; nicht zuletzt, weil du es dir gar nicht gestattest zu lästern.
Und so sieht das dann aus: Könnte jemand in deinen Tagebüchern lesen, bekäme er den Eindruck, dass du ausnahmslos jeden, mit dem du zu tun hast, verachtest oder zumindest nicht leiden kannst. Denn andere Menschen kommen darin nur in ausgeprägten Schimpfgirlanden und Meckertiraden vor.
Du überprüfst alle Briefe und E-Mails vor dem Absenden drei Mal: Einmal auf Vollständigkeit, einmal auf Rechtschreibfehler und einmal darauf, ob sich unterdrückter Groll in irgendwelchen Formulierungen die Bahn zu brechen versucht.

Wieder: Ein Läster-Trieb ist dir zu billig. Dann wäre Lästern so notwendig wie Atmen und die Frage nach dem Dürfen hätte sich ohne Antwort erledigt.
Aber es ist so: Weil Menschen nicht perfekt sind, gehen sie einander auf die Klötze. Wären sie es, würden sie einander durchweg anöden. Beides sind die Grundmotive des Lästerns. Der Ärger über die alltägliche Schwachmatik selbst geliebter Mitmenschen reichert sich in euch wie Dioxin an, doch anders als Dioxin kann man ihn an anderen ablassen und sollte das auch tun, um nicht sich selbst oder die Beziehung zu vergiften.
Die anderen haben davon zwar nichts; sind sie besonders hinterfotzig, munitionieren sie sich mit dem Ausgelästerten anderer sozial auf. Aber recht eigentlich nützt es nur dem Lästernden und das Deutsche hat dafür die sehr passende Formulierung parat: „sich bei jemandem auskotzen“

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