Analphabeten sind die besseren Literaten


Kürzlich gab es eine Lesung in der Volkshochschule. Vorgetragen wurden Texte von Absolventen der Alphabetisierungskurse, und zwar die preisgekrönten. Denn es gibt alljährlich einen Literaturwettbewerb für die Neuankömmlinge im Reich der lateinischen Buchstaben.
Erwartungsgemäß handelte es sich um höchst autobiographische Texte. In einem solchen wundert sich der frisch literarisierte Verfasser, was er in der Schule soll, er brauche das ganze Zeug wie Grammatik und Pythagoras doch gar nicht, um seiner Bestimmung – Autos aufmotzen – nachzugehen.
Dafür gibt es dann eine Urkunde, ein paar Euros und eine Reise zur Bildungsministerin nach Berlin sowie Applaus. Und du machst seit deinem 12. Lebensjahr nichts anderes, als an deiner Schreibe zu arbeiten, und hast dafür weder Stipendium noch Preis bekommen und bis heute insgesamt 0 (in Worten: null) Euro damit verdient (vor Steuern).
Die Eifersucht hielt sich jedoch in Grenzen: Denn natürlich haben diese Kids es schwer gehabt. (Man mag sich gar nicht vorstellen, wie viel dunkler und verwirrender diese Welt für jemanden mit Legasthenie sein muss.) Schlimmes Elternhaus und vielleicht noch etwas Behinderung und so. Und dann können sie irgendwann sogar kurze Geschichten schreiben, super!

Auch eine Sache, mit der du dich abfinden müsstest: Dass Mühe nur honoriert wird, wenn sie es ist, die der Jury auffällt, und nicht ihr Resultat. Zumindest beim hiesigen Poetry Slam hättest du es weit gebracht, wärest du stotternd und schlampig angezogen vor die Leute hingetreten. Statt dessen hast du vorgetragen, als wäre das gar nichts Besonderes, die Routine hat den Blick auf die Mühe verstellt, die in den Texten lag, und weil von ihr nichts mehr zu sehen war, dachte das Publikum, du gäbest dir gar keine. Als ob die Leute in den Zirkus gingen, nicht um die Kunststücke zu sehen, sondern die verletzten und geschundenen Körper der Artisten.

Um auf die Texte dieses Abends zurückzukommen: Als Lektor hättest du nicht den geringsten Wortstuck rausstreichen müssen. Das war schnörkellose, angenehm unprätentiöse Prosa, die wirklich nur erzählt, und dabei bessere Sittengemälde abgibt als die vom Föjetong goutierte Generation-Golf- und Weltschmerz-Scheiße.

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