Seemannssprache


Einem Bewohner nordwestdeutscher Meeresküsten, der englisch lernt, fällt es schwer, in „sea“ einen falschen Freund zu finden („nicht: der See“). Der bedauernswerte Rest der Landsmannschaft muss sich wundern, warum ab Hannover Meere Seen und Seen Meere heißen. Das Steinhuder Meer nordwestlich der gottverlassenen Messe-, Schröder- und Maschmeyer-Stadt ist ein See, ebenso wie die Meere in deiner Nachbarschaft. Die Nordsee wird dagegen nur im Lateinischen Meer genannt, obwohl es eines ist, während der Seemann keineswegs darauf beschränkt ist, immer ufernah im Kreis zu fahren. Einen sonderlichen Meermann gibt es nämlich nicht.

Sprachlich ist der Nordwesten dem Engländer näher als dem Bayern und man muss nicht den aktuellen Lichtwolf gelesen haben, um zu wissen, was dies für Weltbezug und Habitus bedeutet. Der gelebten Anglophilie zum Trotze kannst du dich über die bucklige Verwandtschaft immer noch wundern.
Mittelhochdeutsch steckte sich noch eine „maget“ Blumen ins geflochtene Haar. Im Englischen wurde sie zur „maid“, sofern sie als Magd diente, und zur „maiden“, sofern sie als Kinds- bzw. Jungfrau firmierte. Im Deutschen ist die „Maid“ weniger dienerisch als hold; und das „Mädchen“ – gerade in der Pubertät – wird einem was husten, wenn man ihm Haushaltsarbeiten aufträgt.
Völlig kreuz und quer aber geht es im Nordseeraum mit der „Pest“. Das deutsche Wort kommt vom lateinischen „pestis“ her, was Seuche und Unglück meint. Machen sich jedoch an der Themse die Beulen breit, spricht man von der „plague“ – vielleicht, weil es eine der biblischen Plagen war. „Plagen“ dagegen – und das ist der windschiefe Witz – nennt man dort „pest“. So ist der Satz „This plague is pesting me!“ ein schöner Ausdruck britischen understatements und lautet auf Deutsch: „Diese Pest plagt mich!“
(Womöglich herrschte in dieser Sache mal urgermanische Einigkeit. Denn in einigen Siedlungen am Rhein scheint der Ausruf „Ischab die Soiche!“ gebräuchlich zu sein, wenn der Sprecher von Misserfolgen und Rückschlägen geplagt ist.)
Du bist kein Wirtschaftshistoriker, willst aber mal annehmen, dass, wenn in London die Pest ausbrach, es nicht lange dauerte, ehe sie auch irgendwo zwischen Antwerpen, Amsterdam, Hamburg und Flensburg ausbrach. Das macht diese sonderbare Überkreuzsemantik umso faszinierender.

Einen ähnlichen Fall stellt das „Entern“ dar, das seit dem Übergreifen der somalischen Schattenwirtschaft auf den Schiffsverkehr am Horn von Afrika, erst recht aber seit den Erfolgen der Piratenpartei wieder häufiger in Gebrauch ist. Im Englischen bedeutet „to enter“ eintreten, und das deutsche Wort hat mindestens so viel Ähnlichkeit damit wie das französische „entrer“. Allerdings ist es auch für eine stiff-upper-lip-Seefahrernation zu viel des understatement, es als „eintreten“ anzusehen, wenn Raubmörder über die Reling geklettert kommen. Das Entern hat auch nix mit „eintreten“ zu tun, sondern stammt – laut Etymologie-Duden – aus dem Niederländischen, wo es aus dem spanischen „entrar“ („hineingehen, überfallen, einnehmen“) entlehnt wurde und letztlich auf das lateinische „intrare“ zurückgeht, das „betreten, hineingehen“ bedeutet. (Also doch wieder eintreten?!)

Offenkundig ist die nautische Nähe im Nordseeraum sprachliche Nähe, der zum Trotze öfter auch mal was durcheinanderkommt, so wie hier die Worte übernommen, entlehnt und mit Gebrauchsspuren zurückgeschickt werden. Am schönsten ist die Geschichte des (von Rammstein vertonten) Seefahrergrußes „Reise, reise“, mit dem die schlafenden Matrosen aus den Kojen gerufen werden. Der Landratte erscheint es unsinnig, an Bord eines fahrenden Schiffes zum Reisen aufzufordern. Deutsche Seeleute haben aber bloß den Weckruf ihrer englischen Kollegen übernommen: Arrise, arrise!

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