Herbsttournee 2009


Unter diesem privaten Motto warst du nun also ein paar Tage unterwegs: Die lieben Kollegen Helming und Benz-Hauke in Ravensburg heimsuchen, ebenso die weit verstreute Sippschaft im Badischen, außerdem der Einladung zum Slam Supreme in der Freiburger Mensabar nachkommen.
Schon hinterm Emstunnel sah alles aus wie ein fernes Land und es kam dir vor, als würdest du durch den Mittleren Westen brummen. Du bist echt lange nicht mehr rausgekommen aus der Anachorese. Den Ruhrpott mit seinen abgefuckten Rasern streiftest du nur kurz, in Hessen schlängelte sich die Autobahn durch bewaldete Berge und über irrsinnige Talbrücken. Bald wurde es schon dunkel und die Frankfurter Skyline tat sich auf. Vor lauter Staunen hast du erstmal auf einem Rastplatz angehalten und die Lichter mit Zigarette und Kaffee in den Pfoten begafft.

In Freiburg richtetest du dich notdürftig bei der Verwandtschaft ein und übtest zwischen den Kaffeekränzchen die kurze Lachnummer, die du vorbereitet hattest, um dich beim Slam-Publikum beliebt zu machen. Inspektion der Freiburger Innenstadt, als würdest du hier immer noch deine Tage verbringen. Die Uni voller Gerüste und Protest-Transparente. Alles wie immer, sogar die Leute sehen alle gleich aus. Im Buchladen erstmal das Zizek-Buch gekauft, das in Freiburg natürlich mit drei Exemplaren im Regal vorrätig ist, während man hier gar nicht erst danach zu fragen braucht.
Schließlich in Schale geworfen und mit vor Lampenfieber bollernder Peristaltik zur Mensa gelatscht. Große Wiedersehensfreude, alte Bekannte, her mit den Getränkemarken und Prost! Der Saal füllte sich kräftig, nicht zuletzt dank zweier Schulklassen, die von ihren Lehrern angeschleppt wurden. Die gute Kollegin Stieber führte mit fröhlicher Strenge durch’s Programm, schließlich war es an dir, auf die Bühne zu klettern: „Moin Leude, hier ist ja eine Stimmung wie auf Robert Enkes Beerdigung!“
Als einzigen hört man den guten Kollegen Franzen lachen, diesen blutsaufenden Kriegsverbrecher. Irgendwie wollte das Publikum sich auch nicht so recht für deine Schilderungen des Landlebens mit versoffenen Pastoren und Schweinkram bei der Kartoffelernte begeistern. Als du zur Krönung deine Kernexplosion auf Teilchenebene aus dem kommenden Lichtwolf vorgelesen hast, war die Überforderung wohl komplett. Später musstest du noch einmal auf die Bühne, um ein kurzes Stück aus „Dein Leben ohne mich“ vorzulesen. Da gab es dann verhaltene Lacher, obwohl es in der Szene eigentlich nichts zu lachen gab. Verstehe einer diese Leute.
Nuja, es war geschafft und du wolltest bloß noch zufrieden dein Bierchen trinken, da fällt dich plötzlich eine Zuschauerin an und hält dir eine Gardinenpredigt, wie gemein und menschenverachtend doch dein Auftreten sei. Besonders störte sie sich an deinem Hinweis auf Enkes Totenfeier; du hast dann ein wenig über Uneigentlichkeit, Sisyphos und Medienschelte referiert, aber für ein neues Lichtwolf-Abo hat es nicht mehr gereicht.

Als du tags drauf verkatert durch die Schwarzwälder Wallachei nach Ravensburg gebrummt bist (ohne Zwischenstopp in Meßkirch!) und dem Helming beim Bier von der Beschwerde erzähltest, meint er: „Menschenverachtend? Ja, was denn sonst?!“

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