Das Dumme und das Böse


Was ja auch zur Passionsgeschichte gehört: Dass Jesus seinen Vadder bittet, nicht zu hart auf den Kreuzestod des Sohnemanns zu reagieren.

In seinen letzten Worten bezieht sich Jesus nicht auf Pontius Pilatus, der im Glaubensbekenntnis ungerechterweise als der Verantwortliche für das Leiden Jesu genannt wird. Die Worte „Vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“ meinen das dumme Pack, das Jesus eigentlich ans Kreuz gebracht hatte. Jesu Bereitschaft, selbst die Sünden des von den Hohepriestern gegen ihn aufgewiegelten Mobs auf sich zu nehmen, ist die große Pointe der Passionsgeschichte.

Aber während das historische Christentum den prinzipiellen Pazifismus der Bergpredigt durchaus zu relativieren wusste, blieb es bei seiner prinzipiellen Nachsicht gegenüber den geistig Armen, denen laut Mt 5,3 das Himmelreich gehöre.

 

Bonhoeffers kritische Kirche

Dietrich Bonhoeffer kehrte kurz vor Kriegsbeginn aus dem sicheren New Yorker Exil in seine deutsche Heimat zurück, weil er seine Rolle im dortigen Widerstand sah. Das war keineswegs christlich motiviert: Erst durch seine ausgiebigen friedensethischen Überlegungen, wie und was man der Nazi-Diktatur entgegensetzen könnte, fand Bonhoeffer zur Bibel, wie Heinrich Bedford-Strohm in der ZEIT zum 70. Jahrestag von Bonhoeffers Ermordung schrieb.

Bonhoeffer sah es als Aufgabe der Kirche an, den Staat zu kritisieren und für sein Handeln verantwortlich zu machen. Es gelte, „nicht nur die Opfer unter dem Rad zu verbinden, sondern dem Rad selbst in die Speichen zu fallen.“ Dieses Bild sträubt sich gegen die Deutung als Absolution von gewaltsamem Widerstand. Es wirbt vielmehr für das Martyrium: Vor dem falschen Leben darf sich der Christenmensch keinen Rückzug ins Private erlauben, sondern ist zum öffentlichen Gebrauch der Vernunft verpflichtet – auch auf das Risiko von Irrtum, Isolation und Anfeindungen hin.

70 Jahre nach Bonhoeffer haben die christlichen Kirchen allesamt von dem preußischen Theologen gelernt, der einen Monat vor Kriegsende als „persönlicher Gefangener des Führers“ umgebracht wurde. Heute haben die Christenleute sich weniger mit der Frage des inländischen Tyrannenmords auseinanderzusetzen als mit der nach humanitären Kriegseinsätzen. Diese prinzipiell abzulehnen mag mit einigem pazifistischen Pathos möglich sein, wie ihn die Ostermarschierer alljährlich auf die Transparente bringen. Die Bergpredigt jedoch wird Assad und seine Verbündeten nicht davon abhalten, die syrische Bevölkerung weiter niederzumetzeln, und dieser auch kein Trost sein. Vielmehr ist es durchaus möglich, die ebenso junge UN-Doktrin wie fast unmöglich Praxis der „Responsibility to Protect“ aus der christlichen Tugendethik abzuleiten.

Dem irisch-britischen Aufklärer und Begründer des Konservatismus Edmund Burke wird gern ein Zitat zugeschrieben, das noch lieber auf Facebook geteilt wird: „Für den Triumph des Bösen reicht es, wenn die Guten nichts tun.“ Es könnte auch von Bonhoeffer stammen, der sich in einem – gleichfalls gern auf Facebook geteilten Brief – mit der Dummheit im Unterschied zum Bösen beschäftigt.

 

Bonhoeffers dumme Leute

Der Brief findet sich in „Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft“, herausgegeben von Bonhoeffers Freund Eberhard Bethge bei Siebenstern (Gütersloh) 1985 auf den S. 14 f. – oder hier im Netz.

Die Dummheit, schreibt Bonhoeffer, „ist ein gefährlicherer Feind des Guten als Bosheit. Gegen das Böse läßt sich protestieren, es läßt sich bloßstellen, es läßt sich notfalls mit Gewalt verhindern“, die Dummheit aber ist alldem gegenüber unempfindlich:

„Tatsachen, die dem eigenen Vorurteil widersprechen, brauchen einfach nicht geglaubt zu werden – in solchen Fällen wird der Dumme sogar kritisch – und wenn sie unausweichlich sind, können sie einfach als nichtssagende Einzelfälle beiseitegeschoben werden. Dabei ist der Dumme im Unterschied zum Bösen restlos mit sich selbst zufrieden; ja, er wird sogar gefährlich, indem er leicht gereizt zum Angriff übergeht. Daher ist dem Dummen gegenüber mehr Vorsicht geboten als gegenüber dem Bösen.“

Da die Dummheit ein menschlicher Defekt ist, können auch sehr gebildete Leute dumm und schlichtere Gemüter äußerst klug sein. Und da er kein Geburtsmakel ist, können

„unter bestimmten Umständen die Menschen dumm gemacht werden, bzw. sich dumm machen lassen.“

Geselligkeit begünstigt diesen Vorgang, weshalb Bonhoeffer die Dummheit als soziologisches Problem, als „eine psychologische Begleiterscheinung bestimmter äußerer Verhältnisse“ (und das sind politische) zu betrachten geneigt ist. Anscheinend ist es so,

„daß unter dem überwältigenden Eindruck der Machtentfaltung dem Menschen seine innere Selbständigkeit geraubt wird und daß dieser nun – mehr oder weniger unbewußt – darauf verzichtet, zu den sich ergebenden Lebenslagen ein eigenes Verhalten zu finden. Daß der Dumme oft bockig ist, darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß er nicht selbständig ist. Man spürt es geradezu im Gespräch mit ihm, daß man es gar nicht mit ihm selbst, mit ihm persönlich, sondern mit über ihn mächtig gewordenen Schlagworten, Parolen etc. zu tun hat.“

Als willenloses Instrument ist der Dumme auch zu allem Bösen fähig, nicht zuletzt weil er es nicht als Böses erkennt. Er kann nicht belehrt, sondern muss aus diesem Zustand befreit werden, und Bedingung der inneren Befreiung ist die äußere, d.h. die von einer schockierenden Machtentfaltung.

„[…] bis dahin werden wir auf alle Versuche, den Dummen zu überzeugen, verzichten müssen. In dieser Sachlage wird es übrigens auch begründet sein, daß wir uns unter solchen Umständen vergeblich darum bemühen, zu wissen, was ‚das Volk‘ eigentlich denkt, und warum diese Frage für den verantwortlich Denkenden und Handelnden zugleich so überflüssig ist – immer nur unter den gegebenen Umständen.“

Alles in allem geht Bonhoeffer in seinem Brief sehr christlich mit der Dummheit um und man kann sich vorstellen, dass die Nachkriegsgesellschaft ihn genau darum schneller als die anderen Verschwörer vom 20. Juli vom „Vaterlandsverrat“ rehabilitierte. Es war immerhin (und ist es weitenteils bis heute) diejenige westdeutsche Mehrheitsgesellschaft, in deren Sprachgebrauch Menschen im KZ „umkamen“ (und nicht ermordet worden sind), 1933 „die Nazis an die Macht kamen“ (und nicht von der überwältigenden Mehrheit ebendorthin gebracht worden sind) und 1939 „der Krieg kam“ (den nicht eine überwältigende Mehrheit als totalen bejaht hat).

Vielmehr sieht auch Bonhoeffer die Deutschen als von Hitler verführte oder von der Macht in die Dummheit eingeschüchterte Lämmchen an, die nicht wissen, was sie tun.

 

Der Doku-Film „Das radikal Böse“ (2013) wird mit den Worten Primo Levis eingeleitet:

„Es gibt die Ungeheuer, aber sie sind zu wenig, als dass sie wirklich gefährlich werden könnten. Wer gefährlich ist, das sind die normalen Menschen.“

Um die und deren Bereitschaft, dumm und brutal zu sein, wenn sie es straflos sein können, geht es u.a. am historischen Beispiel der Einsatzgruppen. Benjamin Ferencz, der als US-amerikanischer Chefankläger den Prozess gegen einige dieser „ganz normalen Männer“ führte, fragt in „Das radikal Böse“, warum in Nürnberg nur 24 Nazis auf der Anklagebank saßen und beantwortet die Frage gleich selbst: weil es dort nur 24 Plätze gab.

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