Zur Verteidigung eines Präfekten


Wer mangels Glotze ständig Radio hört, um die GEZ-Gebühren wieder „reinzuholen“, kommt an den sonntäglichen Gottesdienstübertragungen im Deutschlandfunk nicht vorbei. An den Osterfeiertagen ohnehin nicht.

Zu hören ist da – neben mehr oder weniger stimmstarkem Gesang, mehr oder weniger erbaulichen Predigten – stets auch das Glaubensbekenntnis:

Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde, / und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn, / empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, / gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, / hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten, […]

Dieses Credo ist als Zusammenfassung „des christlichen Glaubens in Kernsätzen“ gedacht, die auswendig gelernt und jederzeit aufgesagt werden können, wie der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick erklärt.

Erstaunlich ist die prominente Rolle, die Pontius Pilatus darin eingeräumt wird. Gewiss ist die Passionsgeschichte nicht nur zu Ostern eine der Hauptsachen des Christentums: Gott kommt in Menschengestalt auf die Erde und nimmt das irdische Leiden auf sich, das ist schon eine krasse Geste, die mit den Stichworten „gelitten“ und „gekreuzigt“ jedem in Erinnerung gerufen wird, der in Reli aufgepasst hat oder das filmische Schaffen Mel Gibsons verfolgt.

Den römischen Präfekten in Judäa namentlich damit zu verbinden, scheint jedoch überzogen. Neben Judas zählt er zu den prominenten Bösewichtern der Passionsgeschichte, wird aber wie der Verräter des Messias seit einigen Jahrzehnten nicht mehr durchweg verdammt: Beide – das suizidente Kameradenschwein und der heidnische Provinzherrscher – waren für den göttlichen Heilsplan notwendig.

Kopie der Pontius-Pilatus-Inschrift von Caesarea (Foto von Reinhard Dietrich – Eigenes Werk, CC-BY 4.0)

 

Und Pilatus so: ¯\_()_/¯

Ihr verdankt Pilatus, dessen historische Existenz erst seit 1961 als gesichert gelten darf, die Redewendung, sich die Hände in Unschuld zu waschen. Damit soll der von 26 bis 36 n. Chr. amtierende Präfekt die Forderung des Volks kommentiert haben, den Schwerverbrecher Barrabas freizulassen und Jesus hinzurichten. Selbst die Evangelien zeichnen von Pilatus nicht gerade das Bild eines blutrünstigen Sadisten, sondern eher das eines Realpolitikers, der sich dem aufgehetzten Pöbel lieber nicht mit Rechtsgrundsätzen wie „In dubio pro reo“ in den Weg stellt:

Als Jesus vor dem Statthalter stand, fragte ihn dieser: Bist du der König der Juden? Jesus antwortete: Du sagst es. Als aber die Hohenpriester und die Ältesten ihn anklagten, gab er keine Antwort. Da sagte Pilatus zu ihm: Hörst du nicht, was sie dir alles vorwerfen? Er aber antwortete ihm auf keine einzige Frage, sodass der Statthalter sehr verwundert war.

Jeweils zum Fest pflegte der Statthalter einen Gefangenen freizulassen, den sich das Volk auswählen konnte. Damals war gerade ein berüchtigter Mann namens Barabbas im Gefängnis. Pilatus fragte nun die Menge, die zusammengekommen war: Was wollt ihr? Wen soll ich freilassen, Barabbas oder Jesus, den man den Messias nennt? Er wusste nämlich, dass man Jesus nur aus Neid an ihn ausgeliefert hatte. Während Pilatus auf dem Richterstuhl saß, ließ ihm seine Frau sagen: Lass die Hände von diesem Mann, er ist unschuldig. Ich hatte seinetwegen heute Nacht einen schrecklichen Traum.

Inzwischen überredeten die Hohenpriester und die Ältesten die Menge, die Freilassung des Barabbas zu fordern, Jesus aber hinrichten zu lassen. Der Statthalter fragte sie: Wen von beiden soll ich freilassen? Sie riefen: Barabbas!

Pilatus sagte zu ihnen: Was soll ich dann mit Jesus tun, den man den Messias nennt? Da schrien sie alle: Ans Kreuz mit ihm! Er erwiderte: Was für ein Verbrechen hat er denn begangen? Da schrien sie noch lauter: Ans Kreuz mit ihm!

Als Pilatus sah, dass er nichts erreichte, sondern dass der Tumult immer größer wurde, ließ er Wasser bringen, wusch sich vor allen Leuten die Hände und sagte: Ich bin unschuldig am Blut dieses Menschen. Das ist eure Sache!

Da rief das ganze Volk: Sein Blut komme über uns und unsere Kinder! Darauf ließ er Barabbas frei und gab den Befehl, Jesus zu geißeln und zu kreuzigen. (Mt 27, 11-26)

Sicher hätte Pilatus anders handeln und etwa sagen können: „Der Präfekt bin ich, hier gilt verdammt nochmal römisches Recht und auf die Meinung eines lautstarken Packs, das sich von Demagogen den kaum ausgebildeten Verstand vernebeln lässt, gebe ich einen antiken Wasserwerferstrahl!“

Von persönlicher Verantwortung kann Pilatus darum nicht freigesprochen werden. Sein größter Frevel besteht in preußisch-protestantischen Augen darin, seiner Aufgabe nicht nachgekommen zu sein: Anstatt ein Urteil auf Grundlage des Rechts zu fällen, überlässt er die Entscheidung, wer sterben und wer freikommen soll, der Masse. Für das Laienvolk ist Würde ein Konjunktiv, wie es das letztes Jahr bei der TV-Abstimmung nach Ferdinand von Schirachs Inszenierung eines Prozesses gegen einen Bundespiloten, der ein Flugzeug abgeschossen hat, das in ein vollbesetztes Stadion gesteuert werden sollte, einmal mehr unter Beweis stellte: Da votierten über 80 Prozent der emotional angefassten Zuschauer gegen die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts von 2005, wonach der Staat und seine Organe prinzipiell keine Leben gegeneinander abwägen dürfen. Was sind schon ein paar Schlauberger in tuntigen Roben gegen das gesunde Volksempfinden!

 

Für ein antipopulistisches Credo

In einem interessanten Artikel wies der Wiener Theologe Jan-Heiner Tück jüngst in der NZZ auf die Parallelen zwischen den Schicksalen Sokrates’ und Jesu hin. Tück richtet seinen Blick besonders darauf, wie beide ihre ungerechte Verurteilung zum Tode hinnahmen anstatt sich ihr zu entziehen, wie es dem Sohn Gottes sicher noch leichter gewesen wäre als dem gut vernetzten Philosophen.

Die andere Parallele besteht darin, wie die Prozesse gegen sie zustande kamen: Der Althistoriker Kai Trampedach weist darauf hin, dass Sokrates durch seine eigenwillige Lebensweise bereits einigen Argwohn unter den Athenern provoziert hatte. Dies galt erst recht, nachdem einige seiner früheren Schüler an den oligarchischen Putschen Ende des 5. Jahrhunderts beteiligt waren. Das Athener Establishment sah sich durch Sokrates’ Wirken ähnlich bedroht wie das judäische durch das Jesu. Hier wie dort wollten sie die Störenfriede mit fingierten Anklagen loswerden, die durchgesetzt wurden mit demagogischen Appellen an die dumpfe Masse, die nichts so gern tut wie sich gegen Sonderlinge zusammenzurotten.

Drum sollte ein kommendes Konzil mal darüber diskutieren, die einschlägige Stelle im Glaubensbekenntnis auf den neuesten Stand zu bringen: Statt

gelitten unter Pontius Pilatus

sollte es fortan in den Kirchen murmeln:

gelitten unter aufgehetztem Pöbel

Die erfreuliche Deutlichkeit, mit der man sich sonntags von den Kanzeln herab gegen populistische Stimmungsmache ausspricht, lässt eine solche Anpassung des Credo an den Zeitgeist als nötig und denkbar erscheinen.

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